Licht in den Klüften
Und vollends dann", schwärmte Thomas Mann, "das Trio für Geige, Viola und Violoncello, das, kaum spielbar, ebenso durch seinen konstruktiven Furor, die Hirnleistung, die es darstellt, wie durch die unerhörten Klangmischungen in Erstaunen setzt, die eine kombinatorische Phantasie sondergleichen den drei Instrumenten abgewonnen hat."
Zugegeben, es war die Romanfigur Serenus Zeitblom, die da schwärmte, gemeint war ein spätes Geniewerk Adrian Leverkühns in Doktor Faustus, und Vorlage war Schönbergs Trio von 1946, von dem der Komponist dem Schriftsteller erzählt hatte. Aber mindestens ebenso gut passt - kaum zufällig - die Beschreibung auf ein Trio aus dem September 1788: Mozarts Divertimento, KV 563.
Es ist berühmt, aber man hört es nicht oft und noch seltener gut. Denn dieses von Mozart Zerstreuung genannte Wunder in sechs Sätzen stellt jede Gedankenlosigkeit seiner Interpreten umgehend bloß. Dagegen sind auch die Stars dieser Neuedition nicht gefeit, die heute wohl einiges anders machen würden: Die vorliegende Aufnahme wurde schon 1986 als LP veröffentlicht.
Jetzt ist sie (ohne Hinweis darauf und mit magerem Booklet) bei Sony Classical als SMK 89616 erschienen und reizt schon der Musiker wegen zum (Wieder-)Hören: Es sind Gidon Kremer, Kim Kashkashian und Yo-Yo Ma. Einem geschlossenen Auftritt dieses Dreamteams steht aber manches im Wege, zum Beispiel ein Tonmeister, der offenbar alle Mikros auf Kremer richtete.
So hat Kashkashians energisches Violaspiel Mühe, aus dem Hintergrund nach vorn zu kommen, auch der am Mischpult etwas besser behandelte Cellist Ma bleibt meist im Abseits. Teils spielen sich Kremers Partner auch selbst in den Schatten. Und teils führen sich alle drei als Solisten vor wie im ersten Satz, wo sie über gemeinsame Begleitfiguren oder parallel geführte Melodien wurschtig wegstreichen.
Die "unerhörten Klangmischungen", die Mozart schon durch verwegene Harmonik nahe legt, bleiben da unerforscht, geprobt haben die Musiker wohl kaum. Doch es ist spannend, wie sie dennoch ins Werk hineingeraten, wie Kremer sich zwischen den Nachtklüften des Adagio lichte Freiheiten erlaubt. Und vor allem, wie sie Mozarts Bach-Eindrücke neu erleben in den letzten beiden Variationen des Andante.
Zerbrechlich und vorsichtig, beinah schon zitternd, formen die drei Streicher ihre kontrapunktischen Vorhaltsbildungen in mürbem b-Moll, und die Explosion danach ist umso mitreißender - oben jagende Zweiunddreißigstel-Noten, unten walking bass und in der Mitte ein wortlos trotziger cantus firmus in der Bratsche, der selbst in heitere Raserei umschlägt. Hier ist der "konstruktive Furor" wahr geworden. Volker Hagedorn
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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