Lockruf des Goldes
Alle wollen an die Währungsreserven der Bundesbank, aber die Zentralbanker geben sie nicht her
Ein Finanzminister erkannte schon vor über zweihundert Jahren: "Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles." Johann Wolfgang von Goethe, damals in Regierungsdiensten bei Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, schrieb im Faust seine Erfahrungen nieder. Die macht jetzt auch Hans Eichel.
Doch der Bundesfinanzminister wiegelt ab: "Gegenwärtig ist das kein Thema."
"Gegenwärtig" nicht, aber langfristig durchaus. Deutsche Banken drängeln bereits. Die Begehrlichkeiten richten sich auf die Währungsreserven - Gold und Devisen - der Deutschen Bundesbank, die dort nach Ansicht der Banker nutzlos herumliegen, seit es die Europäische Zentralbank (EZB) gibt. Nicht mehr die nationalen Zentralbanken in Euroland sind dafür zuständig, die Währung zu sichern und am Devisenmarkt zu intervenieren. Das ist allein Sache der EZB, und zwar nicht erst mit der Einführung des Euro-Bargeldes zum bevorstehenden Jahreswechsel, sondern schon seit Beginn der dritten Stufe der Europäischen Währungsunion Anfang 1999.
Das Gold wiegt 3500 Tonnen
Die Summen sind verlockend: Allein die Bundesbank hütet einen Goldschatz von sage und schreibe annähernd 3500 Tonnen, der mit fast 33 Milliarden Euro in der letzten Jahresbilanz steht. Dazu kommen noch Devisenbestände - neben einem kleineren Betrag japanischer Yen ausschließlich amerikanische Dollar - im Wert von gut 53 Milliarden Euro. In Euroland verwalten die EZB und die nationalen Notenbanken zusammen Währungsreserven von mehr als 128 Milliarden Euro in Gold und nahezu 280 Milliarden in fremden Währungen.
Der Fantasie, was man mit dem vielen Geld alles Gutes tun könnte, scheint keine Grenze gesetzt. Recht nüchtern wirkt noch der Vorschlag des Ökonomen Dieter Wermuth von der japanischen Tokai Bank, die Reserven drastisch zu vermindern, um mit den frei werdenden Mitteln die staatlichen Schuldenberge abzutragen. Hilmar Kopper, noch Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, will das Geld nach Möglichkeit als Kapitalstock für eine Rentenversicherung einsetzen, der Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, Martin Hüfner, empfiehlt einen Vorsorgefonds für Katastrophen. Die Geldhäuser verfolgen bei ihren Vorschlägen durchaus eigene Interessen: Wenn sie den Verkauf managen oder sogar die dauerhafte Verwaltung der Reserve-Milliarden übernehmen könnten, würden satte Provisionen in ihren Kassen hängen bleiben.
Währungsreserven haben immer nur einen Zweck: Sie sind eine Art Kriegskasse, um die eigene Währung vor Attacken schützen zu können. So hat die EZB, um der Euro-Schwäche zu begegnen, im Herbst vergangenen Jahres mit Milliarden von Dollar aus dem Reservetopf am Devisenmarkt Euro aufgekauft - mit dem erwünschten Ergebnis, dass damals der Euro-Kurs (wegen größerer Nachfrage) stieg und der Dollar-Kurs (wegen größeren Angebots) sank. Doch die Frage scheint berechtigt, wozu die nationalen Zentralbanken in Euroland noch eigene Währungsreserven unterhalten müssen. "Die Bundesbank", erklärt der Währungsexperte Rüdiger Pohl, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, "braucht keine Reserven mehr, weil sie nicht mehr am Devisenmarkt intervenieren muss."
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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