Mathe gegen Taliban
Damit in Afghanistan Mädchen unterrichtet werden können, bedarf es vieler Schleichwege und Tricks
Als Peter Schwittek 1998 in Kabul die Leitung von COFAA, einem Verbund nationaler Caritas-Organisationen, übernahm, wollte er eigentlich gleich weiterreisen. Weg aus der Großstadt, hinaus in die Dörfer, wo die Taliban den Alltag nicht ständig kontrollieren und die Hilfsorganisationen seltener am Arbeiten gehindert werden. Da bekam er überraschenden Besuch. Eine Abordnung von Mullahs trat in sein Büro und bat um Hilfe bei einem besonderen Projekt: der Einrichtung von Schulunterricht in den Moscheen. Obwohl Schwittek das Land gut kennt - von 1973 bis 1977 hatte er an der Universität von Kabul Mathematik gelehrt -, war er erst einmal perplex. "Weltlicher" Unterricht in den Moscheen - auch für Mädchen? "Selbstverständlich", wurde er belehrt. Im Islam gehöre es zu den heiligen Pflichten Geistlicher, für Wissen und Erkenntnis aller Menschen zu sorgen, der Männer wie der Frauen.
Mit ihrem Projekt wollten die Mullahs in diesem von Nöten geplagten Land eines der größten Übel lindern: den Bildungsnotstand. Auch der ist das Resultat einer unseligen historischen Entwicklung. Da wurde Anfang des Jahrhunderts ein Schulsystem nach westlichem Muster eingeführt, mit Zeugnissen, Sitzenbleiben und allem, was dazugehört. In den größeren Städten gab es sogar Mädchengymnasien. Unter kommunistischer Herrschaft wurden dann die Staatsschulen als "fortschrittsorientiert" protegiert, die Koranschulen in die Illegalität abgedrängt.
Als die Kommunisten vertrieben waren, entlud sich der angestaute Hass der Traditionalisten auch auf das staatliche Bildungswesen. Die Schulen wurden geplündert, nicht selten in die Luft gesprengt. 1998 wurden unter dem Taliban-Regime alle Mädchenschulen geschlossen. Auch der Zustand der Jungenschulen ist inzwischen beklagenswert. Oft haben die Schulräume keine Fenster, die geplünderte Ausstattung wurde nie ersetzt, die Lehrer sind schlecht ausgebildet und mit höchstens sechs Dollar im Monat so schlecht bezahlt, dass sie sich mit Schuheflicken oder Zigarrettenverkauf durchschlagen. Regulärer Schulunterricht findet kaum noch statt. Peter Schwittek schätzt, dass nach diesem langen Krieg die jüngsten Afghanen, die noch eine richtige Ausbildung haben, 45 Jahre alt sind. Und von denen hat jeder, der konnte, das Weite gesucht.
Schulbildung ist in Afghanistan Mangelware und daher geschätztes Gut, weil sie die Chance bietet, dem Land den Rücken zu kehren. Das Volk leidet "Bildungshunger", und längst gibt es einen illegalen Bildungsmarkt - vor allem für Mädchen. Home-Schooling floriert. Lehrer, meist sind es Lehrerinnen, unterrichten heimlich in Privathäusern, wo sich mehrere Kinder der Umgebung versammeln. Private Organisationen betreuen diese Programme, wie etwa die Hilfsorganisation Schuhada der afghanischen Ärztin Sima Samar, die ihre Fäden von Pakistan aus zieht.
Aber dieses Home-Schooling ist nach Ansicht von Schwittek ein heikles Unterfangen. Zum einen haben Sponsoren und Organisatoren fast keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob der Unterricht tatsächlich stattfindet. Zudem arbeiten sie ständig unter den argwöhnischen Augen der Taliban. Und die sind völlig unberechenbar. Mal scheinen sie den privaten Unterricht zu tolerieren, dann wieder gehen sie mit Gewalt dagegen vor. "Einige Lehrer verschwanden und wurden nie wieder gesehen", sagt Schwittek. Inzwischen ist Home-Schooling per Erlass von Ab'r Mahruf, der Religionspolizei, verboten worden.
Vor diesem Hintergrund erschien Peter Schwittek das Projekt der Mullahs wie "das Ei des Kolumbus"
Schulunterricht in Moscheen, verantwortet von Mullahs - das System nicht bekämpfen, unterlaufen oder umgehen, sondern für die eigenen Zwecke nutzen. Wer so verfährt, muss die Verhältnisse allerdings genau kennen. Die wichtigste Lektion für Schwittek war: "Mullahs sind nicht gleich Mullahs". Die muslimischen Führer sind keineswegs immer identisch mit den Repräsentanten der Taliban-Bewegung, die ihren geistlichen Nachwuchs in Crash-Kursen in Pakistan nachqualifizieren lässt. "Allmählich beginnt auch den Taliban zu dämmern, dass man die Schaltstellen in den Behörden und Ministerien nicht nur mit ungebildeten Wilden besetzen kann."
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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