Meine Kinder in Vietnam
Am 12. Oktober wird bekannt gegeben, wer dieses Jahr den Friedensnobelpreis bekommt. Unter den Nominierten ist die Organisation SOS-Kinderdorf. Ihr Präsident Helmut Kutin war gerade in Vietnam, wo ereinst sein erstes Dorf für elternlose Kinder aufbaute. WOLFGANG LECHNER hat ihn begleitet
Ganz so hat Trinh Minh Thanh sich seinen letzten Termin an diesem Donnerstag sicher nicht vorgestellt. Der Vizepräsident der Provinz Ca Mau im äußersten Süden Vietnams wollte offenbar nur noch rasch diesen einen Besucher aus Europa empfangen, ein bisschen mit ihm plaudern, ein Tässchen Tee dabei trinken und dann zufrieden nach Hause gehen.
Doch Helmut Kutin, der Präsident von SOS-Kinderdorf International, hält sich erst gar nicht lange mit höflichen Worten auf, als sie so dasitzen vor dem prächtigen rotblauen Samtvorhang mit dem gelben Stern und der Büste Ho Chi Minhs.
Unser Kinderdorf in Ca Mau hat eine schwere Zeit hinter sich, sagt er, und schuld daran war der Dorfleiter, den Sie uns vorgeschlagen haben. Wir haben ihn entlassen müssen. Und jetzt, Helmut Kutin lässt sich ganz viel Zeit, damit die Dolmetscherin schön übersetzen kann, jetzt schlagen Sie uns wieder nur zwei Kandidaten vor. Von denen ist einer korrupt, wie wir erfahren haben, und der andere inkompetent.
Die Dolmetscherin wirkt jetzt ziemlich unglücklich. Trinh Minh Thanh fällt sein Lächeln aus dem Gesicht. Und Helmut Kutin sucht Blickkontakt mit den Mitgliedern seiner Delegation. Dann holt er zum entscheidenden Schlag aus: Vor ein paar Tagen war ich in Hanoi. Ich habe dort wichtige Leute getroffen.
Und ich muss Ihnen sagen: Ein Mitglied des Politbüros war ziemlich sauer, als es von dem Schlamassel in Ca Mau hörte.
Wenn es um die Sache geht, ist der charmante Österreicher knallhart
Da muss der Vizepräsident Trinh schwer atmen. Im selben Moment piepst das Handy des unglaublich geschäftigen Kameramanns vom staatlichen Fernsehen. Er legt seine Kamera auf den Boden und läuft hinaus. Und in die peinliche Stille sagt Helmut Kutin nur noch: Wir arbeiten in 131 Ländern. 131 Länder warten auf unsere Investitionen. Die meisten Länder machen uns unsere Arbeit nicht so schwer. Dann ist der Besuch beendet.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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