Na dann prost!
Die sieben entscheidenden Phasen einer Bierkur - zum Beispiel in Glasgow
Was tun, wenn wir wieder einmal mit ein paar Kollegen um die Häuser ziehen wollen, und das fern von daheim? Da muss schleunigst ein Vorwand her.
Keine Ausrede bitte schön, denn ehrlich wollen wir ja bleiben. Also gilt es, geschickt zu formulieren: Nicht zu einer Sauftour starten wir, sondern zur Bierkur. Klingt ungleich besser. Nach Wellness-Wochenende. Dabei gilt es allerdings sieben Punkte zu beachten.
Erstens: Rechtzeitig und ausgiebig darüber reden. Dass der gute Gerstensaft ein naturnahes Lebensmittel ist, davon hat inzwischen jeder gehört, ebenso, dass die Entschlackung des Körpers unabdingbar ist. Klingt nach Schlankwerden. Entsprechend erscheint eine Kur zur Selbstreinigung mithilfe Verzehrs des Arzneimittels Bier einigermaßen glaubwürdig. Freundinnen ermuntern mit Blick auf die Körpermittelpartie, selbst ewige Skeptiker ringen sich zu einem Na ja, wenn's hilft durch. Wer mag schon zugeben, von den neusten Erkenntnissen medizinischer Heilkunst rein gar nichts mitbekommen zu haben?
Zweitens: Sorry Ladys, ohne Euch! Theoretisch ist überhaupt nichts gegen die Beteiligung von Frauen an einer Bierkur einzuwenden. Empirisch indes einiges.
Allen Geboten der politischen Korrektheit zum Trotz muss hier festgehalten werden: Es hat sich nicht bewährt. Früher oder später kommt die Frage: Müssen wir nun auch noch zu O'Henry's ? Ja, wir müssen
das Kurprogramm verlangt es. Deshalb, meine Damen, gönnt Euch Schwefelbäder und Schlammpackungen und bringt unsere Bierkuren nicht durcheinander.
Drittens: Bierkuren können grundsätzlich, von streng muslimischen Ländern abgesehen, überall stattfinden. Ganz besonders eignen sich Länder mit mäßigem Klimaglück und Städte, in denen sich nicht Kultur dauernd lästig in den Vordergrund schiebt. Bewährt hat sich zum Beispiel Großbritannien. Gerade neulich zum Beispiel Glasgow. Zugegeben, das viktorianische Zentrum von Schottlands größter Stadt ist nicht zu verachten. Glasgow hat sogar nachhaltig Geschmack an Theater und hochstehenden Konzerten gefunden. Und auch als Einkaufsparadies wird es gepriesen. Dennoch: Die Millionenstadt am Clyde ist von eher herbem Charme. Wenn Tourismusförderer kühn von der Entwicklung zur Unterhaltungshauptstadt der Welt reden, meinen sie mindestens so sehr wie die Burrell Collection oder das Kelvingrove Museum die Scotia Bar, den ältesten Pub der Stadt aus dem Jahr 1792, oder die Clutha Vaults, wo einem schon nachmittags ein so laut wie falsch singender Harmonikaspieler entgegentönt.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren