Neuer Fusel in alten Flaschen

Professionelle Fälscher verunsichern die Weinkäufer. Mit Sicherheitsfäden in Etiketten und genetischer Kodierung von Trauben rüsten sich Winzer gegen den Betrug

Fast nichts deutete auf einen Schwindel hin, als dem Melbourner Weinauktionator Stuart Langton 1998 sechs Flaschen des teuersten Rotweins Australiens zur Versteigerung angeboten wurden: Die Etiketten des Penfolds Grange aus dem begehrten Jahrgang 1990 sahen aus wie gewohnt, die Kapseln waren verschlossen. Nur ein winziges Detail machte den Auktionator stutzig: Der Strichkode auf dem Flaschenrücken war schwarz. Bis zum Jahrgang 1990 aber, wusste Langton, druckte ihn der Hersteller mit roter Tinte auf die Etiketten. Eine chemische Analyse offenbarte: Statt der 600 Mark teuren Noblesse sollte billiger Tischwein unter den Hammer kommen.

"In Weinflaschen liegt nicht immer Wahrheit", schlug der angesehene amerikanische Weinexperte Robert M. Parker in seinem Informationsdienst The Wine Advocat Alarm. Häufig lauere Betrug. "Seit die Weinpreise in den neunziger Jahren explodiert sind, ist der Markt auch für Betrüger attraktiv", hat Karl-Heinz Wilms, im Bundesministerium für den Verbraucherschutz Referent für den Weinmarkt, festgestellt. Allein im vergangenen Jahr ermittelte die nordrhein-westfälische Lebensmittelüberwachung bei jeder vierten kontrollierten Weinflasche Verstöße gegen die Kennzeichnungspflicht.

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Der Weinmarkt gilt inzwischen als Milliardengeschäft. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg schätzt allein den Umsatz mit Bordeaux-Weinen auf jährlich rund 40 Milliarden Mark. "Zwar sind viele Weine teurer als eine Unze Gold, Sicherheitsvorkehrungen gegen Betrüger aber sind selten", sagt Martin Kühn, Weinkontrolleur des Chemischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen. "Die meisten Etiketten lassen sich mit einfachen Farbkopierern fälschen. Flaschen bekommt man im Fachhandel in jeder Form und Größe." Einige Korkhersteller würden selbst dann nicht misstrauisch, wenn sie kleinen Winzern "Pétrus" auf den Korken drucken sollen. Pétrus steht für ein Gut aus dem Bordelais, und dessen Abfüllung gehört zu den teuersten Rotweinen der Welt. Auf Auktionen werden für ihn regelmäßig fünfstellige Summen geboten.

Einer der dreistesten Fälschungsskandale wurde im vergangenen Jahr publik.

Italienische Fälscher hatten Chianti mit billigen Weinen aus Apulien, Sizilien und Latium gestreckt. Der 76-jährige Kopf der Bande hatte den Schwindel straff organisiert: Das Weingut, das Belege für fingierte Chianti-Lieferungen ausstellte, existierte nur auf dem Papier. Im Keller eines unscheinbaren Hofes in der Provinz Pisa sollen die Fälscher nach Informationen italienischer Behörden sechs Millionen Flaschen abgefüllt haben - rund zehn Prozent der gesamten Chianti-Jahresproduktion. Die Folge: Wegen des riesigen Angebots fiel der Chianti-Literpreis von 4000 auf 1800 Lire. Das schadete vor allem den ehrlichen Winzern.

Betrügern winken auf dem Weinmarkt hochprozentige Gewinne. Rund zwei Millionen Mark wollte ein österreichischer Großhändler mit billigem Tischwein verdienen, der nicht einmal 100 000 Mark wert war. Den Wein, Einkaufspreis gut eine Mark pro Flasche, wollte der Ganove mit falschen Etiketten als teuren Valpolicella an Einzelhändler verkaufen. Ladenpreis: fast 30 Mark.

Deutschen Fahndern ging der Fälscher nach dem Hinweis eines misstrauischen Ladenbesitzers ins Netz. Auf dem Parkplatz einer Spedition stellte die Polizei in Nordrhein-Westfalen drei Lastwagenladungen Wein mit falschen Papieren sicher - rund 80 000 Flaschen.

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