New York rückt näher
Hat der Anschlag von New York die Anziehungskraft der Stadt und unsere Sehnsucht nach ihr verändert? Erklärungsversuche aus Berliner Sicht: Wir fragten den Kulturwissenschaftler und Verleger Klaus Siebenhaar
Herr Siebenhaar, jedes Jahr fahren Sie mit Ihren Berliner Studenten für zehn Tage nach New York. Haben Sie Sehnsucht nach der Stadt?
Ja. Unsere Exkursionen sind - neben allen hehren wissenschaftlichen Zielen - Ausdruck unserer tiefen Sehnsucht nach New York.
Was bedeutet der Fall des World Trade Centers für einen New-York-süchtigen Berliner?
Manhattan erscheint ganz plötzlich verletzlich. Dieser Aspekt war mir vorher nie bewusst. Es war unvorstellbar, dass die mächtige Stadt irgendwann verwüstet werden würde - vor allem von außen. Die physische Erfahrung mit kriegerischer Gewalt ist neu. Abgerissenen Hochhäusern folgte bislang etwas Schöneres, Größeres, Moderneres. Doch einen Ort ungeplant auszulöschen und Tausende von Menschen zu töten, das kannte New York nicht. Mich erinnert das an die Zerstörungen deutscher Städte im Krieg. Berlin machte die Erfahrung - teilungsbedingt - ein zweites Mal, etwa am Potsdamer Platz beim Mauerbau.
Hat New York zum ersten Mal erlebt, was für Berlin nicht neu ist: Erfahrung mit der Vergänglichkeit?
Solange Sie nicht auf einen Opfervergleich hinauswollen, ist das sicher so.
Symbolisch ist New York zum ersten Mal Vergänglichkeit widerfahren - in seiner destruktivsten Form. Der Abriss des Waldorf Astoria Hotels an der Stelle des Empire State Buildings in den dreißiger Jahren demonstrierte auch Vergänglichkeit - aber er hatte stadtplanerische und wirtschaftliche Gründe.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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