Offenbarungen eines offensiven Verteidigers
Wie sein literarisches Talent den Fußballprofi Jaap Stam den Arbeitsplatz kostete
Das Erstlingswerk des jungen Autoren Jaap Stam, 29, war gerade eine Woche auf dem Markt, da wurde bereits ein rekordverdächtiger Umsatz von 50 Millionen Mark gemeldet. Leider wurde zu diesem Preis nicht sein Buch verkauft, sondern der Schreiber selbst. Wie ein Stück Fleisch, entrüstete sich der niederländische Fußballnationalspieler, wurde er Mitte September nach Veröffentlichung seiner Autobiografie Head To Head vom englischen Meister Manchester United zum italienischen Spitzenklub Lazio Rom transferiert. Sportlich machte die Abschiebung des standfesten Verteidigers keinen Sinn, und so stieß die internationale Sportpresse bei der aufgeregten Suche nach möglichen Gründen für den Transfer schnell auf Stams literarisches Talent.
Gibt es Klügere als Beckham?
Uniteds Trainer Sir Alex Ferguson stachele seine Spieler an, Elfmeter zu schinden, schreibt Stam in Head To Head, der Kollege David Beckham sei nicht der Klügste und der Mitspieler Gary Neville eine umtriebige Fotze. Für diese Auskünfte habe ihn der Trainer rausgeworfen, kombinierte der Londoner Daily Mirror und fand die passende Überschrift: Ferguson wirft das Buch auf Stam. Tatsächlich hatte Stams Verkauf zu Lazio in erster Linie finanzielle Gründe
nach den biografischen Fußtritten gegen Mitspieler und Trainer fiel United die Trennung vom Weltklasseverteidiger allerdings leichter. Doch während in England debattiert wird, wie sensationell Stams Offenbarung wirklich ist, dass es klügere Menschen als Beckham gibt, bleibt aus deutscher Sicht die überraschendste Erkenntnis von Head To Head: dass so ein Buch überhaupt erscheint.
Die Autobiografie eines Fußballers, der noch mitten in der Karriere steckt und an den sich - bei all seiner Klasse - die nächste Generation, anders als an Pelé oder Maradona, nicht mehr erinnern wird? In Deutschland gibt es die nicht. Hier sind Fußballbücher noch immer Raritäten, gute, wie Jürgen Leinemanns Sepp-Herberger-Biografie, umso mehr.
Hartnäckig hält sich in deutschen Verlagshäusern die Meinung, dass Leute, die sich für Fußball interessieren, keine Bücher kaufen, und Leute, die Fußball spielen, nichts zu erzählen haben, was Bücher füllt.
In Großbritannien dagegen gilt die Fußballliteratur als ernsthaftes Geschäft, in dem ein halbwegs interessanter Autobiograf wie der Verteidiger Jaap Stam nicht nur einen angesehenen Verlag fand - sondern HarperCollins ihm auch noch einen Vorschuss von umgerechnet 230 000 Mark zahlte.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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