Ran an den Mann!
Harter Kerl, sanfte Tour: Jetzt kommt auch er auf den Wohlfühltrip - aber fast nie ohne sie
Jürgen Neubauer schließt die Augen und atmet tief durch: Zwei Hände tasten sich über seinen Bauch bis zur Brust, verteilen mit sanftem Druck lauwarmes Öl auf seinem Oberkörper. Ich war ganz weg, wie im Traum, sagt er später, als er den Bademantel überstreift und sich in einen Sessel fallen lässt.
Jürgen Neubauer, 53 Jahre, Kfz-Mechaniker aus der rheinischen Provinz, ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Mann: Halbglatze, Brille, die Arme und Hände muskulös und sehnig vom Heben und Wuchten der Getriebe und Motoren, der Rücken kaputt. Und doch steht der Handwerker für eine ganz neue Spezies - den Wohlfühlmann. Im Schliffkopf, einem Wander- und Wellnesshotel inmitten des Schwarzwalds, lernt Neubauer, was entspannen heißt: Bei der Massage wird das schmerzende Kreuz sanft gestreichelt, die Leber mit einem Thymianwickel entgiftet, beim Sanften Wasser liegt er im 35 Grad warmen Pool in den Armen eines Betreuers und darf eine Stunde lang tun, was ihm sonst der Alltag verwehrt: nichts.
Vor zehn Jahren wäre kaum ein Mann auf die Idee gekommen, dass teegetränkte Augenpads, Ayurveda-Massagen und Meerwasserbäder Inhalt seines Urlaubs sein könnten, getreu Schillers Glocke: Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen. Da wurde in den Ferien der Center-Court oder der Golfplatz erobert, der Waldweg abgehechelt, der Hotelpool mit mächtigem Armschlag durchmessen.
Heute dagegen planen - laut einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) und des Kieler Instituts für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) - acht Prozent der deutschen Männer in den kommenden drei Jahren einen Wellnessurlaub. Das sind fast 2,5 Millionen mögliche Kunden, eine Zahl, die den Geschäftsführer des NIT, Martin Lohmann, zu der Erkenntnis bewegt, dass ein Wellnessunternehmer inzwischen nicht mehr um den Mann herum kommt.
Doch nur das Damenprogramm ein wenig abzuwandeln und die Gurkenmaske vom Dekolleté auf die Rasurzone zu legen reicht nicht. Wenn auch die Zahl der Männer in den Wellness-Resorts zunimmt - oft scheut sich der Mann, seine Pflegebedürftigkeit offen zur Schau zu tragen. Das Wort >Beauty< brauchen Sie gar nicht erst zu schreiben, weiß Harald Knittel vom Parkhotel Weißes Haus in Badenweiler aus Erfahrung. Und Professor Karl-Ludwig Resch vom Institut für Balneologie und Kurortwissenschaft in Bad Elster ergänzt: Es ist für Männer in unserem Kulturkreis nicht passend, Schönheit in den Mittelpunkt zu stellen.
Das zeigt auch eine Studie der Hamburger Öffentlichkeitsarbeiter adpublica, die 500 Männer zwischen 25 und 50 Jahren mit einem Jahreseinkommen über 100 000 Mark fragten: Welche Wellness wollen Sie? Fast die Hälfte, 48 Prozent, wünschen sich eine Kombination aus Massage, Fitness und Sport. 42 Prozent hoffen in einem Resort entspannen zu können - ihnen ist ein Verwöhnprogramm wichtig. Den Kampf gegen die Falten wollen dagegen gerade einmal 12 Prozent aufnehmen, nur ihnen steht der Sinn nach Beautyanwendungen.
Allerdings zeigt ein weiteres Ergebnis der Untersuchung, dass die Hotels den Männermarkt bislang kaum wahrnehmen. Gerade einmal 18 Prozent bieten Anwendungen speziell für den Mann.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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