Raus aus dem Haus!

Zwei Ökonomen glauben endlich herausgefunden zu haben, weshalb in Deutschland weniger Arbeitsplätze entstehen als in den Vereinigten Staaten

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland wäre weitaus geringer, wenn die Männer und insbesondere die Frauen hierzulande nicht so viel im Haushalt selbst erledigen würden. Gingen die Deutschen häufiger in Restaurants oder orderten fertige Menüs, vergäben mehr Reparatur-, Reinigungs- und Pflegearbeiten an Profis, würden viele zusätzliche bezahlte Arbeitsplätze entstehen und beileibe nicht nur Billigjobs. Eine solche Entwicklung könnte vor allem auch gut ausgebildeten Frauen zugute kommen.

Was auf den ersten Blick wie eine ökonomisch nebensächliche Frage nach privaten Vorlieben aussieht, erklärt nach einer Studie des Harvard-Ökonomen Richard B. Freeman und seines Kollegen Ronald Schettkatt aus Utrecht die unterschiedliche Beschäftigungsentwicklung in Deutschland und den Vereinigten Staaten. In ihrer Arbeit haben die beiden Wissenschaftler eine Vielzahl von Daten über Beschäftigung, Einkommen, privaten Verbrauch, aber auch über Konsumentenverhalten und Zeitbudgets der Haushalte in beiden Ländern verglichen - mit erstaunlichen Ergebnissen. Sie widersprechen gängigen Thesen, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland im Wesentlichen eine Folge zu hoher Löhne und einer zu üppigen Versorgung der Erwerbslosen sei.

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Wenn eine Ausweitung der Beschäftigung im Dienstleistungssektor zum Wesen fortgeschrittener kapitalistischer Volkswirtschaften gehört, dann hinkt die deutschen Wirtschaft in ihrer Struktur nach den Erkenntnissen von Freeman und Schettkatt den Nordamerikanern rund 25 Jahre hinterher. In Deutschland arbeiten immer noch deutlich mehr Menschen in der Industrie und weitaus weniger im Servicesektor als in den Vereinigten Staaten (siehe Grafik Zu wenig Service).

Die Deutschen arbeiten in ihrem Job kürzer, nehmen sich länger Urlaub und haben deshalb mehr Zeit, anfallende Arbeiten im eigenen Haushalt selbst zu erledigen. Die Amerikaner dagegen arbeiten lang, machen vergleichsweise nur kurze Ferien und verdienen mehr Geld, sodass sie Güter und Dienste am Markt kaufen können. Addiert man jedoch die Zeit für die Arbeit, die gegen Geld geleistet wird, und für die unbezahlte in der Freizeit, ist sie in beiden Ländern nahezu gleich (siehe Grafik Zu viel Hausarbeit).

Der Anteil der Konsumausgaben liegt in den Vereinigten Staaten deutlich höher als hierzulande. Die Amerikaner schaffen damit eine Nachfrage, die es in Deutschland in der Form nicht gibt. So kaufen amerikanische Verbraucher mehr Fertigprodukte als die deutschen.

Die Hauptleidtragenden des deutschen Systems sind Frauen, beispielsweise weil es an Angeboten zur Kinderbetreuung mangelt. So ist auch die Erwerbsquote unter deutschen Frauen erheblich niedriger als unter Amerikanerinnen: Hierzulande gingen 1995 nur 55,3 Prozent der weiblichen Bevölkerung einem Broterwerb nach, in den Vereinigten Staaten waren es immerhin 65,8 Prozent.

"Gut ausgebildete Frauen und Frauen mit Kindern wären wahrscheinlich die größten Nutznießer eines Wechsels", heißt es in der Studie. Wenn sie ihre Hausarbeit reduzieren würden, könnten sie mehr Zeit in ihre Karriere investieren. Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass es in Amerika weitaus mehr besserverdienende Frauen gibt als in Deutschland: Dort ist der Anteil der Gutverdienerinnen, deren Einkommen den Durchschnitt um mindestens um zwei Drittel übersteigt, in dem Vierteljahrhundert von 1970 bis 1995 von 8,4 auf 19,5 Prozent gestiegen. In Deutschland ergab sich in derselben Zeit nur eine minimale Veränderung - von 0,0 auf 0,3 Prozent.

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