Trick-reich
Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), der strenge Hüter über die währungs- und finanzpolitische Solidität seiner 183 Mitgliedstaaten, erlag schon der Verlockung, sich durch Buchungstricks bei seinem eigenen Gold zusätzliches Geld zu verschaffen. Immerhin gewann der IWF so drei Milliarden Dollar, die er als seinen Beitrag zur Entschuldung armer Entwicklungsländer bereit stellte.
Das Geschäft lief in zwei Phasen ab: Zuerst verkaufte der IWF zwischen Dezember 1999 und April 2000 in mehreren Tranchen insgesamt 12,9 Millionen Unzen Gold an Brasilien und Mexiko zum Marktpreis von 3,6 Milliarden Dollar.
Weil dieses Gold aber nur mit 0,6 Milliarden Dollar in den IWF-Büchern stand, konnte der Fonds einen Gewinn von drei Milliarden verbuchen. In der zweiten Phase des Geschäfts kaufte der IWF das Gold von Brasilien und Mexiko zu exakt demselben Preis zurück. Das Geld blieb allerdings beim IWF, weil beide Länder mit dem Erlös fällige Schulden tilgten. Das Gold verließ nie die Tresore, steht aber seither mit dem Marktpreis in der IWF-Bilanz.
Politisch besonders pikant an dem Scheingeschäft des IWF war, dass sich ausgerechnet der damalige deutsche Finanzminister Theo Waigel (CSU) im Vorfeld der Transaktion widersetzte. Waigel war zwei Jahre zuvor mit dem Versuch gescheitert, den Goldschatz der Bundesbank zu nutzen, um Löcher im Bundeshaushalt zu stopfen und die Maastricht-Kriterien für den Eintritt in die Währungsunion zu erfüllen.
Der Minister wollte die Bundesbank per Gesetz zwingen, die später in der Währungsunion geltenden Bilanzierungsvorschriften zwei Jahre vorzuziehen. Das Gold wäre nicht mehr nach dem "Niederstwertprinzip", sondern - wie heute üblich - nach dem Marktpreis bewertet worden. Waigel hätte dann schon 1997 und 1998 einen kräftigen Aufwertungsgewinn einstreichen können. Die Bundesbank wehrte sich gegen den "Eingriff" in ihre Unabhängigkeit. Damals lästerte der Londoner Independent:"Deutschland lernt, wie man schummelt."
Waigel gab sein Vorhaben auf.
Einen entgegengesetzten Weg versuchte - nicht weniger trickreich - Italien, um seinen Staatshaushalt zum Eintritt in die Währungsunion zu schönen. Das Ufficio Italiano di Cambi (UIC), das seine Goldbestände auftragsgemäß im Nationalinteresse Italiens verwaltet, verkaufte Gold an die italienische Zentralbank mit einem Gewinn von 7,6 Milliarden Lire. Der Staat wiederum erhob auf den Gewinn Steuern von 3,685 Milliarden Lire, um so der EU ein geringeres Budgetdefizit zu präsentieren. Doch die EU-Kommission akzeptierte die Steuern auf den Vermögenstausch nicht als Defizitminderung im Sinne der Maastricht-Kriterien. whz
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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