"Unsere Mitarbeiter sprechen kein Arabisch"

Manfred Murck, Vizechef des Hamburger Verfassungsschutzes, über die Probleme seiner Behörde, radikale Islamisten ausfindig zu machen

die zeit: Was hat der Verfassungsschutz über die mutmaßlichen Terrorpiloten gewusst, die in Hamburg lebten?

Manfred Murck: Anders, als von vielen Medien behauptet wurde, haben wir das Haus in Hamburg-Harburg, in dem einige dieser Terroristen eine Weile wohnten, zu keinem Zeitpunkt observiert. Wir kannten diese Personen vor dem 11. September nicht - weder Mohamed Atta, der das eine entführte Flugzeug ins World Trade Center gesteuert haben soll, noch Marwan Al-Shehhi, den mutmaßlichen Piloten einer weiteren gekidnappten Maschine, die in den anderen Hochhausturm raste. Auch nicht Siad Jarrah, den mutmaßlichen Piloten des entführten Flugzeuges, das in Pennsylvania abstürzte. Jetzt laufen bei uns Recherchen, ob diese drei Personen in anderen Zusammenhängen aufgetaucht sind, wir sie aber nicht identifizieren konnten. Was wir vor dem 11. September hatten, waren Kenntnisse über andere in Hamburg lebende Personen aus dem internationalen militant-islamistischen Milieu, die - wie man heute weiß - Kontaktleute dieser Terroristen gewesen sein könnten. Solche Querverbindungen lassen sich leider erst im Nachhinein herstellen.

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zeit: Warum fällt es dem Verfassungsschutz so schwer, etwas über radikale islamistische Gruppen herauszufinden?

Murck: Die Probleme liegen auf unterschiedlichen Ebenen. Erstens: Wir haben nur knapp 100 Mitarbeiter im operativen Bereich, die sich von Spionageabwehr, Geheimschutz, Links- über Rechtsextremismus und Scientology bis zu Ausländerextremismus um vieles kümmern müssen. Zweitens: Wir können, aus Gründen des Datenschutzes etwa, weit weniger umfassend recherchieren, als viele Bürger glauben. Wir haben keinen Online-Zugang zu den Computerdateien anderer Ämter, beispielsweise zu den Autokennzeichen, die beim Kraftfahrtbundesamt gespeichert sind, oder zu den Melderegistern der Einwohnermeldeämter. Deswegen sind entsprechende Anfragen umständlicher und zeitraubender als nötig. Gerade bei Ausländerakten ist die Ermittlung oft besonders kompliziert. Es vergehen manchmal Tage, bis wir eine Akte einsehen können. In Hamburg dürfen wir auch keine Wohnungen abhören. Das ist eine Einschränkung, die gerade im Fall Atta zu denken geben sollte. Wenn man der Auffassung ist, dass diese Schranken abgebaut werden und unsere Befugnisse weiter reichen müssten, hat man allerdings Grundsatzfragen des liberalen Rechtsstaates neu zu beantworten. Einerseits denke ich, gerade angesichts des 11. September: Man muss Hürden beseitigen, um als Verfassungsschutz schneller und effektiver handeln zu können. Andererseits: Der Rechtsstaat hat einige dieser Hürden aus gutem Grund aufgestellt, nämlich, um Bürgerrechte zu wahren. Dies kann jetzt nicht in einem Aufwasch revidiert werden.

zeit: Wie viele Ihrer Mitarbeiter beschäftigen sich mit radikalen Islamisten?

Murck: Wenige, und die stehen vor sehr komplizierten Aufgaben. Ein großes Problem sind die V-Leute. Einen Muslim zu finden, der sich auf das biografische Abenteuer eines V-Mannes einlassen will und zugleich das Vertrauen der islamistischen Szene genießt, ist sehr schwierig, meist erfolglos. Dieser Mann muss sehr gläubig sein, um in seinen Recherchen so weit zu kommen, dass er für uns von Nutzen ist. Wenn er aber ein überzeugter Muslim ist, steht er unter moralischem Druck und fragt sich: Darf ich Verrat an Glaubensbrüdern begehen, letztlich Verrat an Allah? Diese Schwelle überschreiten die wenigsten. Wir müssen deshalb auch aufpassen, dass V-Leute verdächtige Personen nicht über unsere Aktivitäten unterrichten oder uns gezielt falsch informieren. Je kleiner die Gruppierung ist, in der sich ein V-Mann bewegen soll, umso aussichtsloser wird das Unterfangen.

zeit: Haben Sie zuverlässige V-Leute in diesem Bereich?

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