"Weder Fisch noch Fleisch"
Der Autokonzern DaimlerChrysler will jetzt auch Journalisten ausbilden
Journalismus lernen bei einem Autohersteller? Bisher landeten Volontäre, die in einem Industrieunternehmen ausgebildet wurden, zwangsläufig in der Presseabteilung. Nun bietet DaimlerChrysler ein besonderes Programm an: Von Oktober an werden Hochschulabsolventen nach den Richtlinien des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) ausgebildet. 18 Monate später sollen sie sowohl als Journalist als auch als PR-Berater arbeiten können.
Medieninteressierte Hochschulabgänger dürften sich freuen: Volontärsstellen bei Presse und Fernsehen sind rar, die Zahl der Bewerber ist groß. So könnte das Angebot von DaimlerChrysler eine Alternative sein. Aber die Ausbildung unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von einem klassischen Volontariat: Die Nachwuchsschreiber berichten vor allem für das Unternehmen, über das Unternehmen und im Sinne des Unternehmens. Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations (PR) sind ihr Metier. Der eigene Konzern steht im Mittelpunkt. Nicht der Leser, der sich Informationen von unabhängigen Journalisten wünscht.
Ursula Mertzig-Stein, Unternehmenssprecherin von DaimlerChrysler, will dieses Argument nicht gelten lassen. Die Volontäre nehmen an Seminaren der Henri-Nannen-Schule in Berlin teil, wo ihnen die theoretischen Grundlagen des Journalismus vermittelt werden. Auch namhafte Praktikastationen sollen für Qualität bürgen. Vier bis acht Wochen, so ist es vorgesehen, hospitieren die Nachwuchskräfte bei Focus, der Stuttgarter oder Süddeutschen Zeitung oder Bild am Sonntag.
Den Wechsel schaffen nur wenige
"Es ist gut, die Leute einmal andere Luft schnuppern zu lassen", sagt Ulrich Schmidla, Chef vom Dienst bei Focus und zuständig für die Betreuung der DaimlerChrysler-Volontäre. "Dass die Volontäre allerdings eigene Beiträge schreiben werden, wage ich zu bezweifeln." Wer eine Geschichte produzieren wolle, brauche gute Ideen und die Fähigkeit, sie magazingerecht aufzubereiten. Kurz: Praxis und Schreiberfahrung.
Der Alltag in der Unternehmenskommunikation sieht jedoch anders aus: Pressekonferenzen organisieren, Imagekampagnen entwerfen, Firmenbroschüren produzieren und Pressemitteilungen schreiben. Unternehmen wie DaimlerChrysler haben sogar eigene Fernsehsender, deren Programme in alle Werke ausgestrahlt werden und bei denen die Volontäre mitarbeiten können. Trotzdem sind Fachleute der Meinung, dass diese Art des Volontariats weder Fisch noch Fleisch sei. Klaus Merten, Professor für Publizistik an der Universität Münster, hält nichts von der Vermischung von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus. "PR-Schaffende brauchen ganz andere Kompetenzen als Journalisten." DaimlerChrysler wolle sich mit den Richtlinien des DJV schmücken, um das Stellenangebot attraktiver zu machen.
Der Stuttgarter Autobauer ist nicht das einzige Unternehmen, das PR-Nachwuchs nach journalistischen Maßstäben ausbildet. BASF aus Ludwigshafen ist Vorreiter dieses Modells. Seit 1982 hat der Chemie-Riese rund 60 eigene PR-Redakteure ausgebildet. Zwei Monate der zwei Jahre dauernden Ausbildung verbringen sie bei einer Tageszeitung, zwei weitere bei Radio und Fernsehen.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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