Wenn aus Schurken Alliierte werden
Amerikas Allianz gegen den Terror sammelt Freunde und Finsterlinge. George W. Bush hat ein Zweckbündnis geschmiedet, keine Wertegemeinschaft. Manche Partner sind einander spinnefeind. Der Weg nach Kabul ist voller Stolperdrähte
Die Operation "Dauerhafte Freiheit" begann im Verborgenen. CNN war mit seinen Kameras nicht dabei, als die ersten Soldaten der U. S. Special Forces vergangene Woche in Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan landeten, als kleine, hochmobile Kommandotrupps der Amerikaner und Briten in Afghanistan einsickerten. Dieser Krieg, das hatten die Strategen in Washington ein ums andere Mal betont, werde anders sein. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus gebe es "keine Strände zu erstürmen und keine Inseln einzunehmen", sagte Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin von Präsident Bush. Man werde vielmehr einen "Krieg des Willens und des Verstandes" führen.
Aber zunächst kam die Stunde der Diplomatie. "Dies ist der Kampf der ganzen Welt", hatte George W. Bush in seiner großen Rede am 20. September vor dem Kongress gesagt. "Wir fordern jede Nation auf, sich uns anzuschließen." Und tatsächlich haben die Anschläge von New York und Washington die Nationen wachgerüttelt. In einer langen Prozession gaben Könige, Präsidenten, Premiers und Außenminister im Weißen Haus und im State Department das Versprechen ab, "Seite an Seite" und "Schulter an Schulter" mit den Amerikanern in diesen Kampf zu ziehen. Außenminister Colin Powell, haben fleißige Chronisten gezählt, sprach in den ersten beiden Wochen nach den Anschlägen mit den Vertretern von 197 Staaten und internationalen Organisationen.
Eine Allianz nimmt Konturen an, wie die Geschichte sie noch nicht gesehen hat, weit größer als die Kriegskoalition vor zehn Jahren am Golf. Die Worte des US-Präsidenten vor dem Kongress waren so einladend wie einschüchternd.
"Jede Nation muss sich nun entscheiden: Entweder ihr steht zu uns, oder ihr steht zu den Terroristen." Nicht ratsam, da neutral zu bleiben, empfanden viele Politiker, die Amerika sonst nicht in ihr Nachtgebet einschließen.
Der 11. September hat die Tagesordnung der Weltpolitik über den Haufen geworfen. Dem Kampf gegen den Terrorismus ordnet sich plötzlich alles unter: die Raketenabwehr, die Nato-Erweiterung, der Klimaschutz, der Konflikt mit China. Auch hat die Regierung Bush begriffen, wie leichtfertig es ist, der Eskalation zwischen Israel und den Palästinensern unbeteiligt zuzuschauen.
Aber die neue Einmütigkeit darf niemanden täuschen: Diese Allianz ist ein Ad-hoc-Bündnis, keine Wertegemeinschaft. Der Kampf gegen den Terror macht aus Diktaturen noch keine Demokratien. Er lässt aber sehr schnell aus Aufständischen gegen Fremdherrschaft Terroristen werden und aus Terroristen Freiheitskämpfer.
Dies ist auch eine Allianz der merkwürdigen Bettgenossen, der widersprüchlichen Interessen, der unappetitlichen Deals und der faulen Kompromisse. In dem von George W. Bush apostrophierten monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse hat jeder zuerst den eigenen Vorteil im Sinn.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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