Werther, gar nicht außer Atem

Frühe Filme von Godard touren wieder durchs Kino. Wie fühlt sich das revolutionäre Werk heute an?

Er ist schon einmal als "Gott selbst" angekündigt worden, und keiner hat gelacht. Er hat auch schon einen Stapel Bücher mit in die Filmpremiere geschleppt, ohne böse Blicke zu ernten, und bei cineastischen Séancen kann man ihn herbeirufen wie einen Geist. "Godard" und "Außer Atem" sind Beschwörungsformeln geworden, mit denen man fast jede Diskussion über das Kino dominieren kann. Der Mann ist ein Star, eine Legende wie Marilyn Monroe und Humphrey Bogart. Doch was er macht, interessiert kaum jemanden mehr.

Jean-Luc Godard ist heute über 70 und der erste und einzige Philosoph, den das Kino hervorgebracht hat. Seine Bonmots sind geistreich, seine Thesen provozierend und seine Auftritte, bei denen er am Rand der Hörbarkeit aus dem Stegreif ganze Theoriegebäude aufrichtet und wieder zertrümmert, höchst vergnüglich. Seine Filme aber gelten (wie sein neuester, Eloge de l'amour) inzwischen als Kassengift und finden nur noch selten einen deutschen Verleih.

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"Darüber, uns beizubringen, wie und was das Kino sein soll, hat er verlernt, Kinogeschichten zu erzählen", schrieb ein amerikanischer Kritiker vor kurzem anlässlich einer Videoedition seiner Filme. War der Mitbegründer der Nouvelle Vague denn jemals Geschichtenerzähler? Oder war er es einmal und ist dann nach 1968 ein anderer geworden und noch einmal 1980 nach seinem "zweiten ersten Film" Rette sich wer kann (das Leben)? Und was war er überhaupt, der (Kino-)Bilderstürmer aus der Schweiz, der in Paris das Kino revolutionierte und sich bald als publizistisch-philosophisches Gesamtkunstwerk installierte?

Ein kleiner Verleih bringt gerade drei Werke aus Godards intensivster Schaffensperiode zwischen 1959 und 1968 (18 Filme!) wieder ins Kino und unterzieht sie damit einem interessanten Wirkungstest. Den Anfang machte Außer Atem (1959), der seit einigen Wochen mit wenigen Kopien durch die Lande tingelt und beachtliche Besucherzahlen pro Kopie erreicht (mehr als mancher Kassenhit aus Hollywood). Jetzt ist auch Die Geschichte der Nana S. (Vivre sa Vie, 1962) neu gestartet, und demnächst wird außerdem Alphaville (1965) mit Eddie Constantine wieder aufgeführt.

Cool wie ein Ministrant

Außer Atem überschrieb kürzlich eine große deutsche Tageszeitung die Meldung vom Schlaganfall Jean-Paul Belmondos - als sei damit schon etwas gesagt.

Godards Filmtitel ist also eine Zauberformel geworden, mit der man die guten alten Zeiten des Autorenkinos aufleben lässt. Damals war ein Achsensprung noch Kinorebellion und eine endlos scheinende, taumelnde Kamerafahrt dem tödlich getroffenen Helden hinterher ein Argument gegen Opas Kino. Godard hat selbst einmal behauptet, die ganze Erfindung der Autorentheorie sei doch eigentlich nur der (erfolgreiche) Versuch gewesen, eine Gruppe von Kritikern aus den Cahiers du Cinéma (Truffaut, Chabrol, Godard und andere) bekannt zu machen und durchzusetzen. So eine Art Lebenszeichen, das besagen sollte: "Hallo, da sind wir, wir sind wichtig, achtet auf uns" - ein Propagandacoup also, der in vieler Hinsicht der Erklärung der Dogma-Gruppe um Lars von Trier vergleichbar ist. Doch während die Dogma-Zertifikate auf den Filmvorspännen im Kino nach ein paar Jahren schon eher gelangweilt zur Kenntnis genommen werden, hat das "Kino der Autoren" auch nach über 40 Jahren noch Bestand.

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