Zumutungen für Dichter

Wen der Krieg bekümmert

Wenn es stimmt, dass der amerikanische Feldzug gegen den Terrorismus "etwas Neues" bedeutet - dafür spricht viel -, dann wird es hohe Ansprüche stellen, ihn intellektuell zu ertragen. Er ist eine Militäroperation im Rahmen einer bisher ungekannten weltpolitischen Allianz, die im Augenblick rhetorisch fest steht, sich politisch aber langfristig als unberechenbar erweisen wird. Keine große Schlacht wird geschlagen werden, nichts Kathartisches wird von diesem Krieg ausgehen, er wird weder zu Heroismus Anlass geben noch zu vollmundigem Pazifismus. Er wird in einer langen Reihe von verdeckten Operationen bestehen, die die Öffentlichkeit nur durch die Filter einer rigiden Informationspolitik erreicht - oder durch Zufall. Es wird ein Krieg der Lüge und der Propaganda sein, der Augentäuschung, der Vieldeutigkeit und des Irrtums. Auf absehbare Zeit wird er auch nicht "entschieden" werden, vielleicht nie.

Führt man sich die amerikanischen Reaktionen unter Intellektuellen nach den Anschlägen von New York und Washington vor Augen, überrascht die Coolness in den USA: ganz wenig Hurrapatriotismus, viel Sinn fürs Liberale als Lebensform, als skrupulöses, dauernd gefährdetes und auch durch die eigenen Einlassungen beeinflussbares Klima.

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In Deutschland dagegen Furcht und Verzagtheit und Ärger über die Verkomplizierung der Weltlage, die schon wieder von den Amerikanern ausgeht und die eigene Befindlichkeit stört, weil sie zum Nachdenken zwingt. Solche Gefühle bewegt ausgerechnet die jüngere Autorengeneration, nicht die ältere der Gruppe 47, die ohnehin immer schon weiß, wie ein Krieg der Amerikaner zu kommentieren sei.

Also abermals auf der bewährten Schnellspur ins Innere: Was stellt die Politik da wieder mit meinem kostbaren Ich an? Sprachlos und geschwätzig sieht sich Albert Ostermeier beim Fühlen zu: "Die Erde wird wieder zur Scheibe und an ihren Rändern lauert der Abgrund unserer Ängste." Dann der bemitleidenswerte Zynismus eines Christian Kracht. Oder die arme Else Buscheuer, die bereits an den Rand eines writer's block geriet: "Schlafen hat nicht geklappt. Angst groß und viereckig im Bauch." Zu schweigen vom Schlimmsten, dem zitatenreichen Durs Grünbein, dessen tragisch-intimer Kriegskitsch in Gedicht und Tagebuch vorführt, dass sich poetische Empathie auch auf den Aufmarsch von Waffen und Gerät erstrecken kann.

Von diesem Unfug einmal abgesehen, wird das, was die amerikanischen Militärs vorhaben, für die räsonierende Klasse unerträglich sein, für alle, die aus journalistischen, aufklärerischen, metaphysischen Gründen an der Wahrheit im weitesten Sinn interessiert sind. Sie werden diese Wahrheit aber nicht länger in der Introspektion finden. Es werden sporadische, meist beunruhigende Nachrichten aus der Schweinebucht auf die Intellektuellen zukommen. Die werden auf lange Sicht den Zweifel aushalten müssen, ob es richtig ist, diesen Krieg zu führen und mit diesen Mitteln. Thomas E. Schmidt

 
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