Der Gegenschlag Krieg am Hindukusch
Die Amerikaner haben sich Zeit gelassen nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September - ganz genau: 26 Tage, drei Stunden und 29 Minuten. Dann aber schlugen sie zurück.
Anderes war nie zu erwarten. Amerika musste sich wehren - und es hatte jedes Recht sich zu wehren nach dem barbarischen Gemetzel, das die Selbstmordattentäter des Bin Laden in New York und Washington angerichtet hatten. Der Krieg gegen die Terroristen ist nicht nur legitim, als Akt der Vergeltung wie der Selbstverteidigung, er ist auch legal, gedeckt durch die UN-Resolutionen 1368 und 1373.
Die Luftangriffe gegen Kabul und Kandahar waren nur der Anfang. Als nächstes werden sich Kommandos an die Spuren Bin Ladens heften, um den Al-Qaida-Chef zur Strecke zu bringen. Dann wird die Nordallianz im Verein mit anderen Taliban-Gegnern daran gehen, dem Regime der eifernden Dunkelmänner in Afghanistan ein Ende zu setzen. An Unterstützung durch die Nato-Statten, Rußland und die zentralasiatischen GUS-Staaten wird es nicht fehlen. Sogar China zieht mit. Nur die fundamentalistischen Sympathisanten Bin Ladens kritisieren das amerikanische Vorgehen.
Dabei ist eines unbestreitbar: Je enger und gezielter der Gegenschlag geführt wird, desto größer sind seine Erfolgschancen. Je mehr zivile Opfer er fordert, desto schwächer wird die Unterstützung der muslimischen Welt werden - schon jetzt rührt sich im Volk ja Widerstand in Pakistan wie in Saudi-Arabien. Und je stärker er geographisch ausgeweitet wird, beispielsweise auf den Irak Saddam Husseins, desto wackliger wird die internationale Koalition gegen den Terror werden.
Präsident Bush hat in den vier Wochen, die seit dem Angriff auf die Türme des World Trade Center und auf das Pentagon vergangen sind, mehr Umsicht und Besonnenheit an den Tag gelegt, als die meisten Beobachter ihm zuvor zugetraut hätten. Er brachte in aller Ruhe seine Truppen in Stellung. Durch geschickte Diplomatie fügte er ein weitgespanntes Bündnis zusammen.
In all seinen Reden ließ er niemanden im Zweifel darüber, dass der Schießkrieg nur ein Teil des langen Kampfes gegen den Terror sein kann. Der humanitäre Aspekt muss dazu kommen: Flüchtlingshilfe, Hungerhilfe, Aufbauhilfe. Und wenn das geschundene Afghanistan je zur Normalität zurückfinden soll, darf die Politik nicht schweigen, während die Waffen sprechen.
Bisher haben der US-Präsident und seine Berater keinen falschen Schritt getan. Aber der Krieg hat seine eigene Logik. Er entfaltet seine Dynamik oft in einer Weise, mit der keiner gerechnet hat: Die unbeabsichtigten Folgen überlagern immer wieder die angestrebten Wirkungen. Es wird Reaktionen geben, womöglich neue Terrorakte. Rückschläge werden sich einstellen; der "General Winter" könnte bald schon die Einsatzpläne des Pentagons durcheinanderbringen; die umworbenen neuen Bundesgenossen der Nordallianz mögen sich als ebenso unbequeme, unkontrollierbare und genierliche Partner entpuppen wie vor einem halben Jahrzehnt die zuvor vom Westen gepäppelten Taliban. Der Feldzug mag ins Leere laufen oder in der Ödnis der afghanischen Berge zum Erliegen kommen. Aber auch im günstigsten Falle wird es nur wenige Siegesmeldungen geben - und schon gar keinen Endsieg.
- Datum 21.09.2009 - 17:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2001Nr. 41
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