S T U D I U M  I M  I S L A M Neue Bücher, 500 Jahre alt

An der Azhar-Universität wird mittelalterlicher Islam gelehrt. Ist sie auch eine Schule für militante Moslems?

Kairo

Es ist Dienstagmorgen, Tag eins nach den ersten amerikanischen Angriffen auf Afghanistan, und Ali Gumaa geht seinem Beruf nach, als sei nichts geschehen. Seit sieben Uhr früh sitzt der Professor für Islamisches Recht an der Azhar-Universität in Kairo auf seinem Sessel und liest mit seinen Studenten Texte aus vergangenen Zeiten. Der Unterricht findet in der Moschee statt, die denselben Namen wie die Universität trägt. Etwa zwanzig Männer hocken im Schneidersitz auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden, weiter hinten, in gebührendem Abstand, lauschen vier Frauen den Worten des Gelehrten. Drei haben ihre Gesichter mit schwarzem Stoff verhüllt, die vierte trägt ein Kopftuch in grellem Pink.

Der Islam ist eine politische Religion, heißt es, doch davon ist an diesem Morgen nicht viel zu merken. Anstatt über den "Krieg gegen den Terrorismus" zu sprechen, der sich im Bewusstsein vieler Muslime längst zu einem Krieg gegen den Islam an sich entwickelt hat, lässt Ali Gumaa seine Schüler Textsammlungen aus dem Mittelalter wälzen, in denen Hunderte Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed dokumentiert sind. Neben dem Koran sind die so genannten Hadithe die wichtigste Grundlage des islamischen Rechts. Die Themenvielfalt ist groß: Ali Gumaa erklärt anhand der Hadithe Fragen über die islamische Wirtschaft, die Unreinheit des Schweines oder über das Problem der Prostitution.

An der Azhar-Universität scheinen die Uhren im 9. Jahrhundert stehen geblieben zu sein. Täuscht der Frieden? Seit den Terrorattacken am 11. September steht der Islam auf dem Prüfstand. Was für eine Religion ist das, in deren Namen sich die Attentäter von New York und Washington in die Luft sprengten und dabei 6000 Menschen mit in den Tod rissen? Aus welchen Quellen speist sich der militante Islamismus, der den Weltfrieden bedroht?

Al-Azhar, zu Deutsch die Leuchtende, ist die wichtigste Autorität im sunnitischen Islam. Sie ist Universität und religiöse Institution zugleich. Die Universität wurde im Jahre 970 gegründet und gilt als die älteste in der Welt. Hier werden Jahr für Jahr Tausende Studenten aus der gesamten islamischen Welt in den Grundlagen des sunnitischen Islam ausgebildet. Am Ende ihres Studiums sind sie Ulema, so genannte Rechtsgelehrte, die befugt sind, in den Moscheen die Freitagspredigt zu halten.

Eine Instanz wie den Vatikan gibt es im Islam nicht. Aber wenn ein Rechtsgelehrter für sich in Anspruch nehmen kann, die höchste Autorität in religiösen Fragen zu sein, dann ist es der Scheich al-Azhar, der an der Spitze der Institution steht. Sein Urteil hat mehr Gewicht als das jedes anderen Rechtsgelehrten. Wenige Tage nach den Terroranschlägen in New York meldete sich Mohammed al-Tantawi, der jetzige Scheich al-Azhar, zu Wort. Er verurteilte den Massenmord aufs schärfste und verkündete, der Islam sei eine Religion des Friedens, die das Töten unschuldiger Menschen unter keinen Umständen toleriere - egal ob es sich um Muslime oder Nichtmuslime handele. Der Dschihad, das "Sichbemühen auf dem Wege Gottes", sei eine rein defensive Angelegenheit, die nur dann zulässig sei, wenn die islamische Welt angegriffen werde. Gegenstimmen aus den Reihen der Ulema gab es keine.

Doch es gibt ehemalige Schüler der Azhar, die ein anderes Dschihad-Verständnis entwickelt haben. Für sie ist der Dschihad die individuelle Pflicht eines jeden Muslims, die so lange verbindlich bleibt, bis die "ungläubigen Regime" im Nahen Osten gestürzt und durch einen islamischen Staat ersetzt sind.

So zum Beispiel Scheich Omar Abd al-Rahman, ein Absolvent der Azhar-Universität, der als der geistige Führer der ägyptischen Gama'at al-Islamiyya gilt. Die Gama'at al-Islamiyya ist für den Mord an fast sechzig ausländischen Touristen im Herbst 1997 in Luxor verantwortlich. Außerdem soll Omar Abd al-Rahman den ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 mitgeplant haben. Dafür sitzt er in den USA eine lebenslängliche Freiheitsstrafe ab.

Neben der Gama'at al-Islamiyya versuchte der Islamische Dschihad, gegründet von Azhar-Absolventen, in den vergangenen zwanzig Jahren, das ägyptische Regime mit Gewalt in die Knie zu zwingen. Ihr spektakulärster Terrorakt war das Attentat auf Präsident Anwar as-Sadat im Oktober 1981.

Der bekannteste Repräsentant des Dschihad ist heute Ayman al-Zawahiri, einst selbst Azhar-Schüler. Er lehnte den Waffenstillstand ab, den die Dschihad-Führung in Ägypten vor drei Jahren mit dem Regime vereinbarte. Zawahiri schloss sich stattdessen der Al-Qaida-Organisation Osama bin Ladens in Afghanistan an. Er gilt als die rechte Hand bin Ladens. Sicherheitsexperten halten ihn für den eigentlichen Kopf der Organisation.

"Sie reden mit zwei Zungen"

Der Werdegang von Omar Abd al-Rahman und anderer lässt Zweifel aufkommen: Lehrt die Azhar vielleicht doch einen Islam, der am Ende ein Dschihad-Verständnis zulässt, wie es die militanten Islamisten predigen?

Ahmad Subhi Mansour plagen solche Zweifel seit über 20 Jahren. Er kennt die Azhar von Kindesbeinen an, besuchte eine ihrer Grundschulen in seinem Heimatort Zagazig, später lernte und lehrte er 16 Jahre lang an der Azhar-Universität in Kairo. "Mir wurde beigebracht, der Islam sei die beste Religion von allen und stehe über allen anderen Religionen", sagt er. Aber: "Die Azhar ist stehen geblieben, ihre Lehre ist nicht vereinbar mit dem modernen Verständnis von Menschenrechten, Demokratie und Toleranz. Ihre jüngsten Bücher sind 500 Jahre alt."

Mansour ist so etwas wie das Enfant terrible der Azhar. Er ist 1985 wegen seiner provokanten Schriften von der Universität geworfen worden. Sein Urteil über den friedlichen Charakter des Islam deckt sich mit dem von Scheich Tantawi - nur bezweifelt er die Aufrichtigkeit der Rechtsgelehrten an der Azhar: "Sie reden mit zwei Zungen: Nach außen vertreten sie einen toleranten Islam, nach innen sagen sie aber etwas anderes." Das Grundproblem sei nicht der Koran. "Ich kann anhand des Korans beweisen, dass der Islam eine friedfertige Religion ist, die auch mit den modernen Menschenrechten vereinbar ist." Vielmehr sei es die sunnitische Tradition, in den Jahrhunderten nach dem Tode Mohammeds entstanden, die einen extremistischen Islam rechtfertigen könne. Die Azhar sei nicht bereit, sich von dieser Tradition zu lösen. Dazu gehören laut Mansour viele Hadithe - die Taten und Aussprüche des Propheten -, die Mohammed erst im Nachhinein in den Mund gelegt worden seien.

Ein markantes Beispiel ist die Strafe für den Abfall vom Glauben. Demnach muss jeder Muslim mit dem Tod bestraft werden, wenn er sich vom Islam lossagt. In einer Studie aus dem Jahr 1993 hat Mansour den Nachweis geführt, dass es dafür im Koran keinerlei Grundlage gibt. Denn dort heißt es unzweideutig: "Es gibt keinen Zwang im Glauben." Wegen des Buches haben Azhar-Gelehrte ein Rechtsgutachten gegen Mansour erlassen, in dem sie nun ihm den Abfall vom Glauben vorwerfen. Damit war er vogelfrei. Wegen derartiger Methoden werfen auch andere Intellektuelle der Azhar vor, sie verbreite "geistigen Terrorismus".

Daraus lässt sich aber nicht der Schluss ziehen, die Azhar würde militante Islamisten an ihrer Brust nähren, die den Umsturz nahöstlicher Regime planen. Die Azhar ist keineswegs nur eine religiöse Institution. Sie ist eng mit dem politischen Regime in Ägypten verbunden, schon deshalb stellt sie sich gegen den blindwütigen Aktivismus der Gama'at al-Islamiyya und des Islamischen Dschihad. "Wenn es zum Konflikt zwischen dem Regime und den Islamisten kommt, steht die Azhar immer auf der Seite des Regimes", sagt Diaa Rashwan, Islamismus-Experte am Ahram Center for Strategic Studies. "Für die Azhar sind die militanten Islamisten verblendete Fanatiker."

Tatsächlich ist ein Mann wie Omar Abd al-Rahman untypisch für militante Islamisten. Die überwiegende Mehrheit der Militanten sind religiöse Laien, die sich auf einige wenige Quellen berufen. Die Azhar, urteilt Rashwan, "versammelt das Wissen der gesamten islamischen Geschichte und zieht daraus ihre Schlüsse. Dabei kommt ein konservativer Islam heraus, aber keiner, der einen militanten Islamismus rechtfertigen könnte."

An dem Verhältnis zwischen der Azhar und dem Regime zeigt sich andererseits das geistige Dilemma, in dem sich Ägypten befindet und das verhindert hat, dass aus der Azhar eine moderne Institution geworden ist. "Im Gegensatz zur Türkei hat sich Ägypten nie zu einem säkularen Staat bekannt", sagt Ahmad Abdallah, ein prominenter säkularer Intellektueller. "In der Verfassung heißt es immer noch, dass wir ein islamischer Staat sind. Gleichzeitig will Ägypten aber ein modernes Land sein. Das ist unser Problem: Wir sind ein nichtsäkularer, nichttheokratischer Staat."

Um diesen Spagat zwischen Religion und Moderne zu vollziehen, braucht das Regime Feigenblätter. Es benötigt die Unterstützung von säkularen Intellektuellen, die das moderne Ägypten repräsentieren; andererseits braucht es aber eine religiöse Institution, die ihre Politik islamisch legitimiert. Das ist Al-Azhar. Je nach politischer Lage stärkt das Regime den säkularen Intellektuellen den Rücken, oder es unterstützt die Vertreter des offiziellen Islam.

Unter Hosni Mubarak hat sich die Waage zugunsten der Azhar gesenkt. Um seinen Krieg gegen die Gama'at al-Islamiyya und den Islamischen Dschihad zu rechtfertigen, brauchte er die Rückendeckung der Rechtsgelehrten. Der Scheich al-Azhar, der vom Präsidenten ernannt wird, war nur zu gern bereit, Mubarak die islamische Legitimation für diesen Krieg zu liefern. Dafür forderte er seinen Preis. So hat die Azhar in den vergangenen Jahren immer mehr Einfluss auf die ägyptische Kulturpolitik genommen und geholfen, eine "Stimmung der Inquisition" zu verbreiten, wie der säkulare Denker Ahmad Abdallah klagt.

Ohne Druck vonseiten des Staates ist kaum zu erwarten, dass sich die wichtigste Institution des sunnitischen Islam in absehbarer Zeit reformieren wird. Erschwerend kommt die internationale Lage hinzu. Den Kampf gegen den Terrorismus empfinden viele Muslime als Krieg gegen den Islam. "In dieser Situation ist es schwierig, einen friedfertigen Islam zu predigen", fürchtet Samia Mehrez, Professorin für Arabische Literatur an der American University of Cairo. "Wenn man die Position des Stärkeren hat, ist es immer einfacher, von Frieden zu reden."

Ali Gumaa kommt am Ende der fast vierstündigen Sitzung mit seinen Studenten doch noch auf die Tagespolitik zu sprechen. Er schließt das Zusammensein mit einem Gebet ab, in dem er um Gottes Beistand für die "Märtyrer", die "Mudschahidin" und das "heilige Jerusalem" bittet. Welche Mudschahidin er meint, behält er für sich. Demonstrieren wollen seine Studenten jedenfalls nicht gegen den Militärschlag der Amerikaner.

"Afghanistan ist weit weg", sagt Ali, ein Student aus dem Sudan, der Nelson Mandela verblüffend ähnlich sieht. "Die Lage wird sich aber verändern, sollten die Amerikaner ein arabisches Land angreifen."

 
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  • Schlagworte Religion | Terrorismus | Islam | Islamismus
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