Seit Jahren macht er die Weinliebhaber auf die unüberschmeckbaren Veränderungen aufmerksam. Für Winzer und Weintrinker sind die kleinen Eichenholzfässchen mit 225 Liter Inhalt nicht mehr wegzudenken. Im Gegensatz zum traditionellen Holzfass mit 1000 Liter Inhalt ist das kleine Barrique mehr als ein Medium zur Weinherstellung, denn es aromatisiert den Wein bei der Lagerung. Bei der Herstellung wird es innen geröstet, damit das Fassholz gebogen werden kann. Dadurch entstehen die typischen Röstnoten - zusammen mit den Vanillearomen aus dem neuen Fassholz gelangen sie in den Wein.

Gerade bei der Erstverwendung des Fasses braucht der Winzer Fingerspitzengefühl, denn nur dicke, konzentrierte Grundweine mit genügend eigenen Gerbstoffen profitieren vom Einfluss des neuen Eichenholzes. Stimmen die Parameter nicht, zerbricht der Wein am Barrique-Aroma. Diese Form der Überholzung ist ein weltweites Phänomen. Der australische Weinkritiker Huon Hooke beobachtet sie in Kalifornien und Neuseeland: "Die Ironie ist, dass ein Wein, je teurer er ist, umso ausgeprägter nach Holz riechen muss." Hooke hält viele australische Weine heute für so "überwürzt", dass sie niemals ihren Holzgeschmack verlieren werden.

Besonders dramatisch ist der Missbrauch des Barrique in europäischen Weinbauregionen. Hier geht er auf Kosten der Authentizität, denn in stark nach Holz- und Vanille duftendem Wein werden subtile Geschmackseinflüsse von Boden und Standort übertönt. Der eigentliche Weinstil - also gerade das, was klassische europäische Weine auszeichnet - wird regelrecht verschüttet.

Angeheizt wurde der Barrique-Boom durch die Lifestyle- und Gourmetwelle in den USA. Zu Beginn der achtziger Jahre explodierte die Nachfrage nach teuren Spitzenweinen. Der amerikanische Markt dürstet nach dunklen, konzentrierten und vanillewürzigen Barrique-Rotweinen. Weinkritiker wie der einflussreiche Robert M. Parker junior fördern diese Entwicklung. Regionale Identität ist für ihn zweitrangig. Nur dicke, beerenfruchtige Rotweine erreichen bei ihm mehr als 90 von 100 möglichen Punkten. Parkers Diktum kann Winzer über Nacht zu internationalen Superstars machen, deren Weine exorbitante Preise erzielen. Kein Wunder, dass immer mehr Winzer daran arbeiten, Weine nach Parkers Geschmack zu erzeugen.

Holzaroma nach Teebeutel-Prinzip

In Italien begann die Barrique-Ära Anfang der siebziger Jahre, damals entstand im Weingut Antinori der erste Kultwein Italiens - der Tignanello. In den USA wurde er zum Renner. Von einigen 1000 schnellte die Produktion auf heute jährlich über 150 000 Flaschen hoch, die zu je rund 160 Mark gehandelt werden. Diesem Vorbild eifern viele Winzer nach und bauen ihre Weine nicht mehr in großen Holzfässern aus. Denen begegnet man immer seltener im Keller, dafür häufig als säuberlich aufgestapeltes Kaminholz vor den Weingütern.

Diese Entwicklung kann in eine Sackgasse führen. In Übersee gibt es kaum weinbauliche Vorschriften. Und so ersetzen die winemaker in Südamerika, Kalifornien, Südafrika und Australien das rund 1000 Mark teure Barrique durch einen einfachen Trick: Sie bauen Wein von dürftiger Qualität in großen Edelstahltanks aus und imitieren den Holzgeschmack, indem sie den Wein mit getoasteten Eichenholzchips aromatisieren - nach dem Teebeutel-Prinzip. Diese Plagiate gelangen als oaked in den Handel und werden zu Dumpingpreisen verkauft. Praktisch alle vanillewürzigen Weine unter 15 Mark werden auf diese Weise produziert.