Der Schatz der Ehemaligen

Auch deutsche Universitäten entdecken ihre Absolventen. Nach amerikanischem Vorbild wollen sie die "Alumni" für den Erfolg der Hochschule einspannen

Das hätte Boris Iwansky nicht für möglich gehalten. Dass er noch einmal an seine alte Universität zurückkehrt. Ausgerechnet nach Siegen.

Was ist schlimmer als verlieren? Siegen. Dieser Spruch kursierte damals unter jenen, die von der ZVS, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, in die "Wirtschaftsmetropole Südwestfalen" verschickt wurden. Freiwillig ging niemand nach Siegen, sagt Iwansky. Aber am Ende war das Studium doch ganz schön, erinnert sich der Betriebswirt: enge Kontakte zu Mitstudenten, kaum überfüllte Seminare, ansprechbare Dozenten. Und so folgte Iwansky der Einladung zum 1. Alumni-Tag der Universität Siegen. "Ich wollte mal schauen, wer so da ist." Immerhin sechs ehemalige Kommilitonen traf er, tauschte Anekdoten und Neuigkeiten aus, besuchte den Workshop eines seiner damaligen Professoren und reihte sich wie früher in die Essensschlange ein. Am Ende wehte es ihn fast ein wenig wehmütig an: "Die Jahre an der Uni waren doch eine prägende Zeit." Selbst - oder gerade - in Siegen.

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Die Einsicht ist kaum überraschend

umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass die deutschen Universitäten erst jetzt bemerken, dass sie solche Wehmut für sich nutzen können. Jahrzehntelang behandelten sie ihre Ehemaligen nach der Devise: aus dem Hörsaal, aus dem Sinn. Allenfalls für wissenschaftlichen Nachwuchs fühlten sie sich verantwortlich. Der Rest der Ehemaligen, der nach dem Examen einen profanen Beruf ergriff, blieb ihnen egal. Schließlich hatten sie ihre Pflicht erfüllt und den Studenten zu einem Abschluss verholfen. Doch plötzlich wächst die Liebe der Hochschulen zu ihren alten Eleven. Ob Siegen oder Stuttgart, Göttingen, Greifswald oder Dresden: Überall erhalten Akademiker Briefe, Anrufe oder E-Mails von ihrer ehemaligen Hochschule mit Einladungen zu Festtagen und Wiedersehensfeiern, in Zeitungsanzeigen bitten Unipräsidenten: Ehemalige, meldet euch!

Mit den Alumni (lateinisch: Zöglinge) glauben die Hochschulen einen vergessenen Schatz entdeckt zu haben. Er verspricht all das, was ihnen weitgehend fehlt: Verbindungen zum Berufsalltag, Praktika und Jobangebote für Studenten, größere Reputation - und langfristig Geld. "Neben Forschung und Lehre ist die Alumni-Arbeit der wichtigste Produktionsfaktor für die Universitäten", glaubt Albrecht Bayer, der in Heidelberg die internationalen Absolventen betreut. Die Universität Freiburg entdeckte unter ihren Ehemaligen Botschafter, Politiker, Vorstände großer Unternehmen und bekannte Journalisten. "Es ist unglaublich", sagt Pressesprecher Rudolf-Werner Dreier, "dass wir diese Lobby nicht schon viel früher genutzt haben."

In den Vereinigten Staaten, wo sich die Universitäten nur zum Teil auf öffentliche Förderung verlassen können, sind die Absolventenbetreuung und das Fundraising längst zu einem lebenswichtigen Bestandteil des Hochschulmanagements geworden. Allein an der Universität Berkeley kümmern sich 250 Personen um die Ehemaligen. Als die Spendensammler dort kürzlich die Rekordsumme von 1,44 Milliarden Dollar verbuchen konnte, stammte der Großteil von ehemaligen Berkeley-Studenten.

Denn die amerikanischen Alumni fühlen sich ihren Universitäten eng verbunden.

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