Als der Berliner Rundfunk über die Nürnberger Prozesse zu berichten begann, hielten die Kommentatoren es für nötig, nicht nur zu kommentieren, sondern ein Gespräch mit ihren Hörern zu führen. Erste Frage: die Schuldfrage an alle. Dieser unbequemen Art des Journalismus folgte jedoch rasch die Distanznahme und damit die Entlastung des Publikums: Je mehr die nationalsozialistische Führungsclique dämonisiert wurde, desto weniger war von einer "Schuld des Volkes" die Rede, und desto besser ließ sich von einer "Schuld am Volk" sprechen. Weltbetrachtung als Selbstverteidigung: Diese Strategie nutzten - oft mit besten antifaschistischen Absichten - viele Schriftsteller der Nachkriegszeit

da bezweckte die strenge Gesellschaftsanalyse einer Anna Seghers ebenso wie die Militarismuskritik eines Arnold Zweig, die Heroisierung des kommunistischen Widerstandes bei Bruno Apitz oder Johannes R. Bechers Nachdenken über den "tiefen Sinn" der "deutschen Tragödie" letztlich Selbstermutigung.

Auf der Shortlist des Booker Prize 2001, der am 17. Oktober vergeben wird, steht nun ein neuer Roman zum Thema "Drittes Reich", der keine Beurteilung, sondern eine Beunruhigung ist, weil er etwas erkunden will, dessen Analysierbarkeit keineswegs feststeht. Die 29-jährige Rachel Seiffert, Tochter eines Australiers und einer Deutschen, hat einen beeindruckenden Roman über so genannte Täterkinder geschrieben, eine Trilogie aus drei verschiedenen Zeiten, mit drei verschiedenen Figurenensembles unter dem Titel Die dunkle Kammer. Helmut: Ein ungelenker Junge streift mit seiner Kamera durch das Berlin der letzten Kriegsjahre, zunehmend orientierungslos, manisch fotografierend - Augenzeuge einer Zerrüttung, die er kaum begreift. Lore: Mit vier jüngeren Geschwistern schlägt sich das Mädchen im Sommer 1945 von Bayern nach Hamburg durch, hungernd, frierend, verzweifelt tapfer, selbst nachdem ein kleiner Bruder erschossen wird, doch immer mehr verstummend angesichts der Erfahrung, dass irgendwann zu viel passiert ist, als dass es sich erklären ließe. Schließlich Micha: Ein Nachgeborener macht sich 1997 auf die Suche nach der Wahrheit über seinen Großvater, einst Waffen-SS-Offizier in Weißrussland, und findet heraus, wie wenig die Feststellung von Tatsachen weiterhilft, wenn man eigentlich wissen will: Warum?

Rachel Seiffert stellt ihre Fragen weder, um sie mit Schutzbehauptungen, noch um sie mit Schuldzuweisungen zu beantworten, sondern um anzudeuten, wie schwer es ist, ohne Antworten leben zu müssen. Rachel Seifferts unideologische Art der Vergangenheitsbetrachtung lässt marxistische Deutungsmuster (die den Nationalsozialismus zum Superlativ von Kapitalismus erklären) als ähnlich hilflose Flucht in die Zukunft erscheinen wie den westdeutschen Wirtschaftswunderglauben. Die dunkle Kammer ist eine Epochenbilanz von unten, Erinnerungsliteratur, die vor Augen führt, was auf den Familienfotos der Großeltern nicht zu sehen ist: wie das Menschsein mit dem Schuldigwerden zusammenhängt, die Trauer mit der Erbitterung, das Misstrauen mit der Angst. Diese wache Erzählerin erlaubt sich ein Mitleiden, aber keine Mitleidsdramaturgie, Verunsicherung, aber keine Verharmlosung. Vor allem macht sie uns klar, dass Totschweigen ein Tätigkeitswort ist.

Im letzten Teil des Romans erzählt ein alter Weißrusse, der mit den Deutschen kollaborierte, wie er, nachdem die Kommunisten seinen Vater ermordet hatten, Juden umbrachte, obwohl er der antisemitisch-antikommunistischen Propaganda der Besatzer nie glaubte: "Sie wussten, dass es eine Lüge war?" - "Ja. Aber es war eine Lüge, die einen Sinn ergab." - "Wussten Sie schon damals, dass es falsch war?" Der Alte nickt. "Warum haben Sie es dann getan?" Der Alte schweigt. Auf die Frage, ob es ihm leid tue, sagt er: "Wie könnte ich mich entschuldigen? Bei wem? Wer könnte mir vergeben? Ich habe in manchen Nächten geweint, nachdem wir Juden erschossen hatten. Andere auch. Es war falsch, was ich getan habe, und es war falsch, deswegen zu weinen."

* Rachel Seiffert: Die dunkle Kammer

Roman