Er wusste, dass er bald sterben würde, der Lungenkrebs war zu weit fortgeschritten. Er nahm es mit der Ruhe antiker Philosophen. Er bestellte ein letztes Mal seinen Garten, den großen Nutz-, Lehr- und Freudegarten rings um den kleinen Lindenhof bei Kleve, den er seit den achtziger Jahren zusammen mit seiner Frau bewirtschaftete. Er ordnete seinen Schreibtisch, an dem er dreißig Jahre lang die Scheidewege, die Zeitschrift "für skeptisches Denken", redigiert hatte - eins der wichtigsten politisch-philosophischen Foren der Republik - und an dem er so viele eigene glänzende Texte und Bücher ins Reine gebracht hatte. Und dann saß er im Korbstuhl, sah den jungen Katzen zu, drehte sich eine Zigarette und wartete, ins Gespräch vertieft, auf den Tod.

Geboren 1929 im niederrheinischen Moers, Kind des Malers Oskar Dahl, war Jürgen Dahl zunächst Buchhändler geworden, hatte sich aber bald für die freie Schriftstellerei entschieden. Enzyklopädische Neugier packte ihn früh

in bunten Anthologien sammelte er, nicht zuletzt sich selber zum Vergnügen, rare Kunst- und Kulturkuriosa. Dann wurde es ernst: Als einer der ersten Publizisten hierzulande stellte er die ökologische Frage. Seine Bücher Der Anfang vom Ende des Autos (1972) und Auf Gedeih und Verderb (1977) machten ihn rasch bekannt. Thomas von Randow brachte ihn Anfang der siebziger Jahre als Mitarbeiter zur ZEIT

zuletzt berichtete Dahl hier in einer viel geliebten Kolumne aus dem kleinen und großen Pflanzenleben des Lindenhofs.

Er war ein Gärtner mit Witz. In originellen Bildbänden pries er den Reiz "stinkender" Blumen oder erzählte von der Kunst des Herbariums: Capriccios mit tieferer Bedeutung, während er in seinen Essaysammlungen, die bei Klett-Cotta und später im Manuscriptum-Verlag erschienen, den Technikfundamentalisten und auch den allzeit zukunftsfrohen Öko-Marktwirtschaftlern den Spiegel vorhielt - ironisch, höhnisch manchmal, mit blitzender intellektueller Schärfe. Oft galt sein "bitteres Lachen im grünen Bereich" dann den Fachleuten, "unter deren Händen die Welt ein Apparat bleibt, den nur sie zu bedienen vermögen". Denn er wusste: "Mit der Ökologie allein kommt man nicht weit."

Jürgen Dahl war weder Schwärmer noch Experte. Er war ein Ökologe "über die Ökologie hinaus": ein Kenner der Natur, erklärender Aufklärer und Liebhaber des großen unbegreiflichen Gartens, vor dessen Verwüstung er immer wieder gewarnt hat. Bei allem Zorn ohne Eifer - und ohne Glauben bei aller Hoffnung.

Er war einer der besten Essayisten deutscher Sprache. Und vor allem, bis zuletzt, bis zum Tag seines Todes, dem 6. Oktober: ein freier Mensch.