B I O T E R R O R Die Gefahr ist real, aber nicht total

Wir sollten den Bioterroristen und mitsurfenden Kriminellen danken. Ja, danken. Denn sie haben uns zu bisher noch sehr niedrigen Kosten für den Angriff mit Biowaffen sensibilisiert

So zynisch es klingen mag: Wir sollten den Bioterroristen und mitsurfenden Kriminellen danken. Ja, danken. Denn sie haben uns zu bisher noch sehr niedrigen Kosten für den Angriff mit Biowaffen sensibilisiert. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, zumindest vorläufig. Hohe Wachsamkeit und frühzeitiges Erkennen machen viele Biowaffen stumpf.

Beispiel Anthrax: Das Szenario, dass ein Flugzeug über einer belebten Innenstadt oder einem voll besetzten Stadion kreist und Zehntausende Menschen mit Anthraxsporen infiziert, die dann nach wenigen Tagen qualvoll sterben, ist weitgehend Fiktion. Erstens würde ein tief fliegendes, unbekanntes Material versprühendes Flugzeug heute sofort Großalarm auslösen. Und selbst wenn es nicht auffiele, wären erste Milzbranderkrankungen wegen der hohen Aufmerksamkeit schnell erkannt. In einer großen Population gibt es stets Früherkrankungen, insbesondere unter Immunschwachen, etwa Alten oder Kindern. Die weit überwiegende Mehrheit der Infizierten lässt sich dann noch wirksam mit Antibiotika behandeln, vorausgesetzt, die Vorräte reichen.

Die Anschläge in den USA bestätigen diese Prognose: Das erste Anschlagsopfer in Florida, der Fotoredakteur Robert Stevens, musste noch sterben. Alle anderen, die seither mit dem Milzbranderreger in Kontakt kamen, überlebten dank rascher Einnahme von Antibiotika. In einem diagnostisch und medikamentös gut gerüsteten Land lassen sich Terrorattacken mit Bakterien wie Anthrax, Pest oder Botulinus - Klassikern biologischer Kriegsführung - wirksam mit Gegengiften und Antibiotika eingrenzen.

Wesentlich gefährlicher wären Attacken mit Viren. Noch vor wenigen Monaten simulierte der Verteidigungsexperte und ehemalige US-Senator Sam Nunn mit einer hochrangigen Truppe auf der Andrews Air Force Base bei Washington einen biologischen Angriff mit Pockenviren. Das Ergebnis war verheerend, nach 300 000 Toten unterbrachen die Strategen ihr makabres Planspiel. Warnend wandte sich Nunn damals an die Öffentlichkeit - doch kaum jemand wollte ihn hören. Heute lauscht ihm die ganze Nation. Forschungsprogramme ergründen, wie sich die vorhandenen Pockenimpfvorräte durch Verdünnen im Notfall strecken ließen; bisher würden sie nur zur Immunisierung etwa jedes 20. Amerikaners ausreichen. Auch die Produktion neuer Impfstoffe wird angekurbelt. Denn die Pocken sind, anders als der Milzbrand, hoch ansteckend. Und gegen Pocken gibt es keine Medikamente. Wichtigste Waffen sind die Impfstoffe. Sie haben geholfen, diese Seuche, die im 20. Jahrhundert noch 500 Millionen Todesopfer forderte, seit 1977 weltweit auszurotten. Daher wird auch nicht mehr geimpft. Denn die Pockenvakzine kann zu schweren Ausschlägen oder, sehr selten zwar, zu tödlichen Hirnentzündungen führen.

Aber auch die weise Zurückhaltung beim Immunisieren hat Nebenwirkungen: Die Menschheit ist inzwischen gegen eine Pockenseuche anfällig wie nie zuvor, weil der Impfschutz stetig abklingt und die Immunisierung durch natürliche Seuchenzüge ausbleibt. Die Pocken könnten wüten wie Feuer in einem ausgetrockneten Wald.

Zum Glück gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass Terroristen in den Besitz von Pockenviren gelangen. Nur noch in den USA und in Russland gibt es zwei streng bewachte Reserven für Forschungszwecke, seit Jahren wogt der Streit um die Vernichtung dieser Restbestände. Die Vernichtungsbefürworter warnen vor Missbrauch, die Gegner wollen unbedingt die Vorräte für einen besseren Impfschutz erhalten.

Doch wollen Gerüchte nicht verstummen, dass aus der Biowaffenproduktion der Sowjets Restbestände von Pockenviren in falsche Hände geraten sind. Auch für diese Krankheit gilt: Bei rascher Diagnostik kann Impfen vor dem Ausbruch einer schweren Erkrankung schützen, drei bis vier Tage nach der Infektion ist noch Zeit zur Abwehr.

Auch die deutschen Behörden sind mittlerweile aufgewacht. Nach den Anthraxanschlägen in den USA recherchierte das Paul-Ehrlich-Institut die Verfügbarkeit von Impfstoffen gegen Milzbrand, Pest und Pocken. Das Bundesamt fand heraus, dass solche Impfstoffe "in Deutschland weder zugelassen noch kurzfristig verfügbar" seien. Das sollte sich zumindest für Pockenimpfstoff schleunigst ändern.

Biowaffen sind blind

Gewiss kostet die Vorratshaltung und ständige Auffrischung von Impfstoffen und Medikamenten viel Geld. Welcher Preis aber ist zu hoch, um den Einsatz von Biowaffen parieren zu können? Terroristen agieren zwar nicht rational, doch sie sollten wissen, dass eine Pockenepidemie in Industriestaaten relativ schnell unter Kontrolle zu bringen ist, hingegen in armen Staaten wie Afghanistan oder Pakistan mörderische Folgen haben kann.

Biowaffen sind blind, sie treffen leicht die Reinigungs- und Hilfskräfte in verseuchten Gebäuden oder die Assistenten von Prominenten, die Anschläge in den USA haben es gezeigt. Vermutlich sind diese Ziellosigkeit und das schwer kalkulierbare Risiko für die Angreifer der wichtigste Grund, warum seit dem Zweiten Weltkrieg nur äußerst selten biologische und chemische Waffen bei Terroranschlägen eingesetzt wurden. Nur etwa ein Dutzend Tote waren in mehr als fünfzig Jahren zu beklagen. Mit konventionellen Waffen und Sprengstoffen hingegen ermorden Terroristen jährlich mehr als 70 000 Menschen.

In der aktuellen Aufregung sollte also die Gefahr nicht überschätzt werden. Das Risiko eines Desasters durch biologische Attacken ist zwar real, aber gering. Da eine wirksame Vorbeugung angesichts der Vielfalt potenzieller Biowaffen enorme Kosten verursachen würde, drängt sich internationale Kooperation auf. Der Kalte Krieg ist vorbei, warum also sollten Russen, Amerikaner und Europäer nicht gemeinsam Impfstoffe und Gegengifte entwickeln und bevorraten? So birgt die Krise auch eine Chance.

 
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