K O N G R E S S Auf der Achterbahn
Die Globalisierungskritiker von Attac treffen sich am Wochenende zu ihrem ersten Deutschlandkongress: Wie weiter nach Genua und dem 11. September?
Manchmal geht alles ganz schnell. Es ist gerade drei Monate her, da saß Philipp Hersel in einem niedrigen Dachbüro in Berlin-Kreuzberg und grämte sich noch, dass kaum jemanden in der Öffentlichkeit das Thema Globalisierung interessiere und die Argumente der Kritiker kein Gehör fänden. Auf dem Fußboden standen Kartons, darin druckfrische Flugblätter für den Attac-Kongress vom 19. bis 21. Oktober in der Hauptstadt. Hersel hatte gerade mit den Vorbereitungen begonnen. Wie, fragte er sich, könne er seine Organisation und ihre Zielsetzung bekannt machen? Vielleicht ließe sich ja eine Debatte im nachrichtenarmen Sommerloch anstoßen? So etwas müsse man wohl strategisch planen, überlegte er. Nach dem Kongress im Herbst werde er sich Zeit nehmen und ein Konzept überlegen - für den Sommer des folgenden Jahres.
Zehn Tage später: der Weltwirtschaftsgipfel in Genua. Dann der 11. September, der Terror. Und als nächstes die Reaktion der Vereinigten Staaten auf den Terror. Wochen, die für Philipp Hersel und die anderen Aktivisten von Attac einer Fahrt mit der Achterbahn glichen: Ein rasantes Auf und Ab - und wieder Auf.
Nach Genua mit seinen militanten Krawallen und den Gewaltexzessen der italienischen Sicherheitskräfte schnellten die Globalisierung und ihre Kritiker ganz weit hoch auf der politischen Tagesordnung. Der Spiegel adelte das Thema mit einer Titelgeschichte. Bei Philipp Hersel gaben sich plötzlich Journalisten die Klinke in die Hand, Attac wurde mit Anfragen und Beitrittserklärungen überschwemmt.
Die Zentrale der deutschen Globalisierungskritiker liegt in Verden an der Aller, in einer ehemaligen britischen Kaserne am Stadtrand. Vereine und selbstverwaltete Betriebe haben sich dort niedergelassen. Das Gebäude ist ökologisch saniert - auf dem Dach Sonnenkollektoren, im Vorgarten eine Pflanzenkläranlage, das Foyer duftet nach Naturlack. Fünf junge Männer arbeiten hier ehrenamtlich für Attac. "Full time, no pay", sagt Oliver Moldenhauer, 30, lange Haare, Pferdeschwanz. Er ist Physiker, war früher mal bei den Grünen. Jahrelang hat er am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung über Bodenerosion und Überfischung gearbeitet.
Die Zeit nach Genua nennt Moldenhauer "die Explosionsphase". Stolz zeigt er auf dem Computermonitor ein Diagramm der Mitgliederentwicklung. Eine Kurve weist steil nach oben, wie einst der Neue Markt an der Börse. "Aber unser Aufschwung ist nachhaltiger", glaubt Moldenhauer. Er zeigt auf einen Knick in der Linie. "Da war Genua." Vorher hatte Attac in Deutschland 400 Mitglieder, einen Monat später über tausend. Die Bündnisgrünen beeilten sich, die neue Bewegung zu umarmen. Auch Gerhard Schröder kam nicht mehr umhin, sich mit ihren Argumenten auseinander zu setzen. Die "Tobin-Steuer" - mit der internationale Finanzspekulationen gebremst werden sollen und die auf den amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin zurückgeht - wurde ernsthaft debattiert.
Bis zu den Anschlägen in den USA. Danach verschwand Attac aus der Öffentlichkeit. So rasend, wie sie aufgestiegen waren, stürzten die Globalisierungskritiker wieder ab. Auf Tobin folgte bin Laden. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ging zum Gegenangriff über und stellte die Protestierer von Genua mit den islamistischen Terroristen auf eine Stufe. Beide seien doch irgendwie gegen Amerika, oder?
Ressentiments gegen Amerika
In der Tat benutzt "die Bewegung" - wie sie sich selbst nennt - gern antiamerikanische Ressentiments. Nun muss sie sich umstellen, muss künftig - wenn sie sich nicht diskreditieren will - differenzierter argumentieren. Zudem wurden die Globalisierungskritiker mit dem Anschlag auf das World Trade Center ihrer öffentlichkeitswirksamsten Instrumente beraubt: "Jede Taktik, die darauf beruht, sichtbare Symbole des Kapitalismus anzugreifen - und wäre es noch so friedlich -, findet sich nach dem 11. September in einer vollkommen veränderten semiotischen Landschaft wieder", analysiert Naomi Klein, Autorin der Szenebibel No logo.
In Verden wurde es nach den Anschlägen plötzlich ruhig. Niemand rief mehr an, die Zugriffe auf die Internet-Seite nahmen um 80 Prozent ab. "Ich hatte Angst", sagt Pressesprecher Felix Kolb, 27, "dass es vorbei ist." Doch nach ein paar Tagen änderte die Achterbahn wieder ihre Richtung. Obwohl Attac nicht mehr in den Medien vorkam, gründen sich weiter neue Ortsgruppen, bis zu drei in einer Woche.
In Schwerin zum Beispiel. Zehn Leute sind am Donnerstagabend vergangener Woche ins Jugendzentrum Dr. K. gekommen. Aus Verden ist Oliver Moldenhauer angereist, im Rucksack Flugblätter und einen Stapel Folien für den Overheadprojektor. Als Erstes muss er erfahren, dass die Lokalzeitung die Einladung mit einem falschen Datum abgedruckt hat. Dann stellt sich die Runde vor: ein Mitarbeiter des Bundes für Umwelt- und Naturschutz, ein junger Mann, der dort sein Freiwilliges Ökologisches Jahr ableistet, vier Mitglieder der Bündnisgrünen. Dazu ein Lehrer, ein Frauenarzt, eine Theologin, die ein Jahr in Brasilien gearbeitet hat und "als Globalisierungsgegnerin wiederkam"; jetzt ist sie bei der Lutherischen Landeskirche für entwicklungspolitische Bildungsarbeit angestellt. Ein grauhaariger Mann stellt sich als "ganz normaler Bürger" vor. Nach Genua hat er von Attac erfahren, fand auf der Internet-Seite den heutigen Termin.
Dann spult Moldenhauer seinen Vortrag ab. Er zeigt Grafiken, Statistiken. 1970 seien die 15 reichsten Länder der Welt 40-mal so reich gewesen wie die 15 ärmsten. Heute, rechnet er vor, besäßen sie das 170-fache. Er hat Statistiken dabei über die sinkenden Steuerzahlungen der deutschen Unternehmen und erzählt von einer Aktion der Münchner Attac-Gruppe. Sie schickten die Rechnung für ein geschlossenes städtisches Schwimmbad an die Siemens-Zentrale.
George W. Bush entdeckt Attac
Letzten Freitag ist in Verden die 2000. Beitrittserklärung eingetroffen. Auf den Fluren stapeln sich wieder gelbe Plastewannen der Post, mit den Antworten ist das Büro Wochen im Rückstand. Der Strom neuer Mitglieder ist im Moment das größte Problem. Noch gibt es keine klare Organisationsstruktur, keine Satzung, kein Programm. Und je mehr Leute mitreden, desto schwieriger wird es. Ende September wurde eine Debatte darüber nach drei Stunden abgebrochen. Der Kongress am Wochenende in Berlin wird sich erneut - ganz basisdemokratisch - den Kopf zerbrechen. Andererseits sinkt mit jedem neuen Mitglied der Einfluss sektiererischer Gruppen; bisher dominierten mancherorts Linksruck und andere linke Splittergruppen die Attac-Gruppen.
Gut möglich, dass die Anschläge in den USA nach einem ersten Schreck Attac einen deutlichen Mobilisierungsschub verschaffen. Bisher war es das Banner des "Kampfes gegen die neoliberale Globalisierung", unter dem sich seit etwa zwei Jahren unterschiedlichste Gruppen zusammenschlossen. Zuvor hatten Dritte-Welt-Aktivisten und Umweltschützer, Gewerkschafter und Sozialisten, Feministinnen und Gentechnikgegner ihre jeweils begrenzten Ziele verfolgt. Als sie kaum neue Erfolge hatten, machten sie alle "die Macht der Konzerne" dafür verantwortlich. Das war der gemeinsame Nenner, der die Demonstranten von Seattle und Genua zusammenführte. Ab sofort geht es um noch mehr, nicht mehr nur um den Weltkapitalismus, sondern den Weltfrieden. Attac meint, die besten Mittel gegen Terroristen seien Entwicklungshilfe und der Kampf gegen globale Ungerechtigkeit. Kritik an der Globalisierung komme, wie Felix Kolb es ausdrückt, einer "Wurzelbehandlung" des Terrors gleich. Viele Leute seien jetzt mit dieser Begründung Mitglied geworden.
"Die Ereignisse der letzten Wochen haben bewiesen, dass wir richtig liegen", sagt Bernard Cassen, Präsident und einer der intellektuellen Köpfe von Attac Frankreich. Dort ist die Organisation schon seit Jahren eine Macht. 35 000 Mitglieder gibt es landesweit, auch 150 Abgeordnete der Nationalversammlung haben sich Attac angeschlossen, Premierminister Lionel Jospin hat öffentlich seine Sympathie bekundet.
Cassen, 64, leitet die Monatszeitung Le Monde Diplomatique und ist überzeugt, dass die Popularität von Attac durch den islamistischen Terror und die Reaktion der USA gestiegen ist - und mit jedem Tag der Militärschläge in Afghanistan weiter steigt. In seinem Büro im 13. Arrondissement von Paris lehnt er sich weit zurück auf seinem Sessel, vor sich einen mächtigen, dunklen Schreibtisch, hinter sich eine Regalwand mit Büchern und Zeitschriften. Genüsslich pafft er eine Zigarre: "Niemals war Bush näher an Attac als heute." Das Trockenlegen von Steueroasen, das Erschweren von Geldwäsche, eine stärkere Kontrolle weltweiter Finanztransaktionen - Dinge, die vor dem 11. September für die amerikanische Regierung überhaupt nicht infrage kamen. Nun sind all dies Mittel im Kampf gegen den Terrorismus. Daneben habe die amerikanische Regierung den Keynesianismus wiederentdeckt und pumpe jetzt Milliarden in die Wirtschaft. "Wir haben immer daran geglaubt, dass der Staat in den Markt eingreifen muss", triumphiert Cassen.
Auf der Achterbahn rast Attac wieder bergauf.
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