M I L Z B R A N D Supermacht in Angst
Täglich werden in den USA neue Fälle von Ansteckungen mit Milzbrand gemeldet. Noch weiß niemand, woher die tödlichen Erreger stammen. Politiker und Forscher warnen vor weiteren Bio-Attacken
Ich saß da und wusste, nichts kann die Katastrophe stoppen. Egal, was wir auch tun." Sam Nunn schweigt einen Augenblick nachdenklich, dann fährt er fort: "Bei 300 000 Toten und über einer Million Kranken haben wir das Spiel abgebrochen. Die Pocken bedrohten zu dem Zeitpunkt bereits große Teile der Welt." Er sinkt hinter seiner großen Hornbrille ein wenig zusammen, schließlich aber gibt er sich einen Ruck. Als ob er die Erinnerung wegwischen möchte, schüttelt er den Kopf: "Nein, das hat keinen Spaß gemacht."
Sam Nunn, ehemaliger Senator der Vereinigten Staaten, hat im Sommer Krieg gespielt. Damals, als die westliche Welt bestenfalls die Globalisierung und das Ozonloch fürchtete, saß der einflussreiche Expolitiker im Lagezentrum der Andrews Air Force Base nahe Washington und testete, wie sein Land bei einem biologischen Angriff reagieren würde. Nunn spielte den amerikanischen Präsidenten, ein pensionierter CIA-Chef war ebenso mit von der Partie wie ein Exgeneral, der Gouverneur von Oklahoma und ein paar ehemalige Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates - eine hochrangige Truppe also, die am Ende zweierlei einte: das Grauen über das Szenario und die Erleichterung, dass alles nur ein Spiel war.
"Chemische, biologische oder auch nukleare Waffen können leicht in die falschen Hände geraten oder von den falschen Leuten produziert werden und dann eine Katastrophe auslösen. Wir sind schlecht vorbereitet. Wir müssen uns besser schützen", berichtete Nunn kurze Zeit später einem Senatsausschuss. Doch obwohl der Mann als einer der einflussreichsten Rüstungsexperten der USA hohes Ansehen genießt, nahm kaum jemand seine Warnungen ernst. Heute kann Nunn sich vor Anrufen kaum noch retten. Seit gut einer Woche fürchtet Amerika den Biowaffenkrieg.
Der Horror kommt per Post
"Die wachsende Panik!", schreit das Titelblatt des Nachrichtenmagazins Newsweek diese Woche von den Kiosken. "Terror bedroht die Heimat" titelte die Konkurrenz US News and World Report, und das Time Magazine zeigte unter der Überschrift Der Angstfaktor einen weißen Briefumschlag auf schwarzem Hintergrund. Seit ein paar Tagen kommt der Horror den Amerikanern per Post auf den Schreibtisch. Überall im Land tauchen mit Milzbrandbakterien verseuchte Briefe auf: zunächst beim Boulevardblatt Sun in Florida, dann beim Nachrichtensender NBC in New York, dann in einer Microsoft-Filiale in Reno und inzwischen auch noch im Büro des demokratischen Mehrheitsführers im Senat, Tom Daschle. Die Folge: Panik allerorten. Das State Department musste in der vergangenen Woche wegen eines verdächtigen weißen Pulvers auf dem Fußboden evakuiert werden. Später stellte sich heraus, das irgendjemand völlig harmlosen Puder (Talkum) verschüttet hatte. In Nashville, Tennessee, rief eine Frau die Polizei, weil ihre Computertastatur verseucht sei. Dort lagen, wie die Laboruntersuchungen ergaben, schlicht Kekskrümel. Und in einer Toilette in Virginia schrieb jemand auf das Toilettenpapier: "Du sitzt auf Milzbrand. Du bist tot."
Auch das war nichts als ein schlechter Scherz. Doch wer weiß das vorher? Die Bakterien lassen sich nicht riechen, schmecken oder sehen. Also führt schon der kleinste Verdacht zu großen Ängsten. So musste die New York Times ihre Leser vorsorglich informieren, dass die Zeitung nicht in der Redaktion gedruckt werde - dort war ein verdächtiger Brief aufgetaucht. In mancher Sortierstelle liegt inzwischen die Post brach, Sekretärinnen wollen die Briefe ihrer Chefs nicht mehr öffnen, und in Hollywood haben die Filmstudios ihre Poststellen gleich ganz geschlossen. Theater klagen über Besucherschwund, die Malls werden immer leerer, und in Washington, sonst ein beliebtes Touristenziel, stehen die Hotels leer. Der patriotische Appell von George Bush, "das Leben so normal wie möglich zu nehmen, zu fliegen und zu reisen", verhallt ohne Wirkung. Stattdessen verkauft sich das Antibiotikum Cipro, das gegen Milzbrand hilft, deutlich besser als der bisherige Publikumsrenner Viagra. Zeitweise stiegen aufgrund des Nachfragebooms sogar die Aktien des Produzenten Bayer.
"Verständlicherweise haben viele Menschen Angst, denn Amerika hat noch nie Bioterrorismus erlebt", sagte Gesundheitsminister Tommy Thomson voller Verständnis, um dann aber die offizielle Linie der Regierung zu vertreten: Die Lage sei ernst, es gebe jedoch keinen Grund zur Panik. Milzbrand sei weder ansteckend, noch könne man sich leicht infizieren, und mit Antibiotika sei die Sache meist gut heilbar. Tödlich wirke das Bakterium meist nur, wenn es in die Lunge gerate. Tatsächlich ist in den USA bislang nur ein Mann an der Krankheit gestorben, und die Zahl der nachgewiesenen Infektionen ist klein - von einer Epidemie also keine Rede. Doch solch beruhigende Fakten scheinen von Tag zu Tag weniger Gehör zu finden. Die Amerikaner, die noch kaum den Schock nach dem Zusammenbruch des World Trade Center überwunden haben, treibt die Angst vor einer unkontrollierbaren Biokatastrophe um.
Derweil tappen die Ermittlungsbehörden bei der Suche nach den Tätern völlig im Dunkeln. Offiziell gibt es noch nicht einmal eine Verbindung zwischen den Milzbrand-Fällen in Florida, New York und Reno - was ein FBI-Mitarbeiter Anfang der Woche kurz so zusammenfasste: "Wir haben einfach keine Spur." So häufen sich die Vermutugen aller Art. Besonders nach der Herkunft der Erreger suchen die Ermittler derzeit fieberhaft, möglicherweise - so eine Theorie - stammen sie aus alten Beständen der Sowjetunion. In Kasachstan produzierte zu Zeiten des Kalten Krieges eine Fabrik Tonnen des Materials, und möglicherweise sind Teile der Bestände in den Irak oder den Iran gelangt. Doch solche Verbindungen lassen sich nicht oder noch nicht nachweisen.
Zudem plagen das FBI derzeit viel näher liegende Sorgen: In den vergangenen Tagen reagierte es schlicht viel zu langsam. Nachdem in Florida der Fotoredakteur Steven Robert nachweislich an Milzbrand erkrankt war und wenig später starb, spekulierten die Behörden tagelang darüber, dass ihn die Sporen der Bakterie draußen im Grünen erwischt haben könnten - ein mögliches, aber äußerst unwahrscheinliches Szenario. Zwar kommt Milzbrand relativ häufig in der Natur vor, beispielsweise auf Schafweiden, aber nur sehr selten werden Menschen infiziert. In New York verhinderte zur gleichen Zeit nicht Ignoranz, sondern Schlamperei die Aufklärung: Das FBI ging dem Hinweis des Fernsehsenders NBC auf einen verdächtigen Briefumschlag nicht nach. Erst als der Hautarzt einer Mitarbeiterin Alarm schlug, wurden die Behörden wach.
Doch selbst ein wachsamer Sicherheitsapparat ist derzeit gegen Bioattacken eher schlecht gerüstet. Was noch bei Nunns Senatsauftritt wie eine leere Warnung geklungen hatte, erweist sich nun als riesiges Versäumnis: Trotz der Rekordausgaben für Rüstung fehlt es den USA an Ressourcen, um die Bevölkerung gegen Bioangriffe zu schützen. Nach Jahren der Sparrunden im Gesundheitssektor haben die Krankenhäuser kaum Kapazitäten, um gegen mögliche Epidemien zu kämpfen, es mangelt zudem an Impfstoffen und sogar an Laboreinrichtungen, um Erreger überhaupt aufzuspüren. Bei den Milzbrandfällen der vergangenen Tage wurde das Manko erschreckend deutlich. Im ganzen Land beschäftigen sich gerade mal zehn Labore mit Milzbrand, schon bei der bisher geringen Anzahl der Fälle hat es mitunter mehrere Tage gedauert, bis die Diagnose bei verdächtigen Briefen abgeschlossen war.
Wer besitzt Pockenviren?
Seit Anfang der Woche will das Weiße Haus nun nachbessern: Der Kongress soll möglichst bald 1,5 Milliarden Dollar für den Kauf von Antibiotika und für Programme zur Bekämpfung eines möglichen Bioterrorismus bereitstellen. Derweil rätseln die Experten schon über mögliche weitere Attacken, das Pentagon hat gar Hollywood um Hilfe gebeten. Die Traumfabrik soll in Zeiten, in denen das bislang Undenkbare zum realen Horror werden kann, ihre schwärzesten Fantasien verraten, damit die Militärexperten dann nach Gegenmitteln suchen können. Ganz oben auf der Liste denkbarer Gefahren stehen schon jetzt mögliche Epidemien - beispielsweise der gezielte Ausbruch von Pocken. Im Sommer hatten die USA gerade für einen von 23 Bürgern Impfstoff vorrätig. "Pocken hätten katastrophale Folgen, schlimmer als eine Atombombe. Denn im Gegensatz zum Milzbrand wäre diese Krankheit ansteckend", warnte Senator Bill Frist, der als Arzt normalerweise nicht zur Panikmache neigt.
Auch Pockenerreger könnten möglicherweise aus Beständen der ehemaligen Sowjetunion in falsche Hände geraten sein. Bis 1992 arbeiteten nach Aussagen des ehemaligen Vizechefs des russischen Biowaffenprogramms, Kenneth Alibek, über 7000 Wissenschaftler an tödlichen Viren - viele dieser Forscher wurden nach dem Zusammenbruch von anderen Ländern heiß umworben. Vor dem amerikanischen Senat nannte Alibek in der vergangenen Woche ein paar der Erreger beim Namen: "Pest, Botulinusbakterien, Hasenpest und Pocken."
Der Mahner Nunn ist mittlerweile auch zum Mahner vor falscher Panik geworden. "Inzwischen wird die öffentliche Gesundheit als nationales Sicherheitsrisiko begriffen. Damit hat die Regierung den wichtigsten mentalen Schritt getan", sagt er und hofft, dass die Bush-Berater nun noch einen Schritt weiter gehen. "Wir müssen Vorsorge betreiben - beispielsweise, indem wir helfen, die Biowaffenprogramme in der ehemaligen Sowjetunion abzurüsten." Er selbst hat damit bereits begonnen, vor einem Jahr bot ihm Ted Turner für solche Arbeit 250 Millionen Dollar, gemeinsam gründeten die beiden daraufhin die Nuclear Threat Initiative, die mit Abstand reichste Abrüstungsstiftung der Welt.
Amerika allerdings rüstet dieser Tage erst einmal auf. Täglich werden die Vorräte an Impfstoffen aufgestockt. Die Folge: Das Land könnte tatsächlich bald in der Lage sein, sich gegen einige Krankheiten deutlich besser zu schützen - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, vor allem in der Dritten Welt.
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






