Globalisierung »Und das nennt ihr einen Erfolg?«
Der Internationale Währungsfonds versprach Wohlstand - und brachte Armut: Nobelpreisträger Joseph Stiglitz im Gespräch
DIE ZEIT: Das Grummeln gegen die Globalisierung wird lauter. Inwieweit teilen Sie die Kritik?
Joseph Stiglitz: "Globalisierung" bedeutet zunächst nur das stärkere Zusammenwachsen der Volkswirtschaften. Die Klagen wenden sich dagegen, wie dieser Prozess vollzogen wird - besonders von Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Der Vorwurf: Es dominieren die Ideologie freier Märkte und die Interessen der Finanzbranche und multinationaler Unternehmen. Und diese Politik hat tatsächlich nicht das gebracht, was sie zu bringen versprach: Wohlstand und Stabilität.
ZEIT: An welche Länder denken Sie?
Stiglitz: Man muss sich zum Beispiel nur Osteuropa und Russland anschauen. Alle sagten, wenn diese Länder ihr ineffizientes Wirtschaftssystem abschaffen, komme der Wohlstand. Dann lenkte der IWF den Prozess, und der Wohlstand kam nicht. Das Bruttosozialprodukt sank um 40 Prozent, mehr als jedes zweite Kind lebt in Armut, die Lebenserwartung ist gesunken - ein wirtschaftliches Desaster, auch wenn auf der Währungsseite Erfolge erreicht wurden. Und Stabilität stellte sich unter der Führung des IWF auch nicht ein - im Gegenteil. Das Unbehagen über die Globalisierung ist also tatsächlich von schlechten Ergebnissen motiviert.
ZEIT: Die Antiglobalisierer wenden sich doch nicht nur gegen den Währungsfonds.
Stiglitz: Generell bestimmt ein Gefühl der Unfairness große Teile der Diskussion. Zuerst sieht man, dass einige Völker reicher werden und andere nicht. Dann schaut man auf die Welthandelsorganisation, deren Agenda vom Norden beherrscht ist. Die Entwicklungsländer beseitigen Zölle und Subventionen, während die Industrieländer ihre Agrarsubventionen ebenso aufrechterhalten wie die Protektion der Textilindustrie. Hinzu kommt die Ansicht, dass die Globalisierung einen zu engen Wertekanon repräsentiert. Dadurch sind in vielen Ländern die Demokratie, die Umwelt, die kulturellen Werte beschädigt worden. Der Protest geht über Ineffizienz und Ungleichheit hinaus - und ist mehr als nur Antiglobalisierung. Er ist eine Haltung anti all diese Phänomene.
- Datum 06.09.2007 - 12:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 43/2001
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