N O R D A L L I A N Z

Die Landsknechte des Westens

Ein amorpher Haufen korrupter Kämpfer, einig nur im Widerstand gegen die Taliban - das ist die Nordallianz. Nun fliegen Amerikas Laserwaffen über das mittelalterliche Schlachtfeld, und die Krieger wissen nicht, was ihre neue Rolle sein soll. Frontbesuch in Afghanistan

Die Fähre ist der einzige Verkehrsweg, über den die Nordallianz das östliche der drei von ihr gehaltenen, durch Taliban-Gebiete getrennte Territorien mit schweren Waffen versorgen kann. Mit russischen Panzern vor allem, die aus dem Iran ihren Weg nach Tadschikistan finden und von dort in die Hochwüsten und Täler des afghanischen Nordens gelangen, in die sich die Regierungstruppen 1996 nach der Vertreibung aus Kabul zurückgezogen haben.

Von der Fähre sind es 15 Kilometer bis nach Chawdscha Bahaudin, dem Ort, in dem Ahmed Schah Massud von zwei als Fernsehjournalisten posierenden saudi-arabischen Selbstmordattentätern umgebracht wurde. Das war am Tag vor den Anschlägen auf New York und Washington. Die Mörder hatten die Bombe in ihrer Kamera versteckt. Wenn es so etwas wie einen Führer der Nordallianz gab, dann war es Massud. Seinem Nachfolger fehlt es an Charisma, Einfluss und Macht. In dem entstandenen Vakuum versuchen nun alte Gegner wieder Einfluss zu gewinnen, vor allem der Usbeke Dostum. Wenn es etwas gibt, das diese und andere Fraktionen einigt, so ist es die Feindschaft gegen die Taliban.

Die anschließende Fahrt im Armeejeep dauert fast zwei Stunden. Nicht mal das Wort "Piste" verdient dieser Weg. Es ist eine durch feinen Mehlstaub führende Achterbahn, ohne Kurven zwar, aber bei jedem Buckel muss man aufpassen, nicht gegen das Dach des Jeeps geschleudert zu werden.

Zwei Mal verpasst der Fahrer eine Abzweigung, verirrt sich erst in einem Zeltlager, wird von einem Wachsoldaten in eine andere Richtung geschickt und fährt dann in Dünen, in denen der Jeep fast stecken bleibt. Manchmal geht die Fahrt durch Ortschaften, enge, unübersichtliche Labyrinthe inmitten hoher Lehmmauern. Die Gassen stammen aus einer Zeit, in der Esel und Kamele die einzigen Verkehrsmittel waren.

Seit Jahren wird hier Krieg geführt. Ein Krieg, in dem die Front sich ständig vor- und zurückbewegt, in dem Dörfer gewonnen und verloren werden, in dem um den Besitz strategisch sinnloser Anhöhen sinnlos Blut vergossen wird, fast wie im Ersten Weltkrieg in Flandern. Seit die Vereinigten Staaten und Großbritannien Jagd auf Osama bin Laden und das mittelalterlich anmutende Klerikalregime der Taliban machen, hat dieser altmodische Krieg eine merkwürdige, eine fast bizarre Komponente. Da ist nämlich dieser andere Krieg, der High-Tech-Angriff mit lasergesteuerten Bomben und computerprogrammierten Flugraketen. Hier bekommt man davon nichts mit. Der High-Tech-Krieg mag sich genauso gut auf der anderen Seite der Welt, nicht im selben Land abspielen. Hier gibt es keinen Strom und kein Telefon, kein Fernseh- und kein Radionetz. Man hört nur Gerüchte, Mutmaßungen und Spekulationen.

An diesem Morgen tritt der Krieg dann doch kurz in Erscheinung, in seiner propagandistischen Variante. Eine Transportmaschine der USA wirft in der Kuratamwüste im Westen von Chawdscha Bahaudin Lebensmittelpakete ab. Bald durchkämmen Kinder und Soldaten, Männer und Frauen das brettflache, graue, von der Sonne hart gebackene Terrain nach den gelben Beuteln, auf denen steht: "Geschenk des amerikanischen Volkes an Afghanistan".

Bald tauchen die ersten Pakete auf dem Basar der Stadt auf. Niemand weiß so recht, wie viel die Beutel wert sein könnten. Eine große Nachfrage gibt es nicht. Auf dem Markt ist alles zu kaufen, was zum Leben gebraucht wird. Frisch geschlachtete Hammel und Ziegen, Kartoffeln und Reis, Weizenmehl und Zucker, Passionsfrüchte, Melonen, Trauben und Äpfel. Leere Mägen füllen die Fertiggerichte aus den Beuteln nicht. Manche sind aufgeplatzt. Die Besitzer werfen sie weg, und der Inhalt verdorrt in der Morgensonne.

Anderswo schenkt ein wohlmeinender Ausländer, wohl ein Journalist, einem Jungen eine holländische Hartwurst. Der sieht sich das komische Ding an. Essen will er es nicht. Schließlich wirft er damit lachend nach seinem Freund. Die beiden liefern sich eine fröhliche Hartwurstschlacht.

In kürzester Zeit ist der Kriegstross der Medien zum Wirtschaftsfaktor avanciert. Vor allem die afghanische Regierung profitiert. Visa kosten 200 Dollar. Die Preise für Mietautos, Dolmetscher und Unterkünfte haben sich seit Beginn des amerikanischen Angriffs auf die Taliban-Gebiete vervielfacht. Amerikanische Fernsehanstalten werfen mit Geldbeträgen um sich, als wollten sie das ganze Land kaufen. Oder zumindest vor Ort zum Ausdruck bringen, dass die Nordallianz zu den Guten zählt in diesem Krieg gegen das Böse. Eine Information, die der Korrespondent der TV-Station NBC seinem Publikum "als amerikanischer Journalist" schuldig sei, wie er sich ausdrückt.

Am Südwestende der Kuratamwüste liegt das Flüchtlingslager Bildozar Sochta. Zelte, dazwischen Esel, auf der staubigen Erde spielende Kinder, Frauen beim Wäschewaschen. Es ist zehn Uhr morgens. Ein Mann nimmt sein grün-blau-rotes und milchfarbenes Gebiss aus den Mund, das er sich aus einem Stück Plastik geschnitzt hat. Aus dem Gebilde ragen Drähte heraus, an denen der Mann es in die hinteren Backenzähne einhängt. Seine restlichen Zähne hat er im Krieg verloren.

Ein anderer Mann, Noshir Mohammad, führt stolz sein Zelt vor. Es ist makellos sauber. Die ganze Familie wohnt darin. Vater und Mutter schlafen auf der einen Seite, die vier Kinder auf der anderen. Seit zwei Jahren leben sie hier. Damals seien sie mit knapper Not den Taliban entkommen, sagt er und zerrt an der Hand seines Sohnes, um die Szene bildlich darzustellen. Die Familie stammt aus einem Dorf im Kundusgebiet jenseits der Front. Hinten im Zelt hängt eine Kalaschnikow.

Mohammad ist nicht nur Flüchtling, er ist auch Soldat. Wie fast jeder hier im Lager. Fünf Tage kämpfe er an der Front, sagt er. Drei Tage hat er dann frei. Ob er sich so seinen Lebensunterhalt verdiene? - Nein, nein. Es gehe ihm nur um die Rückeroberung seines Dorfes. Wie er denn seine Familie ernähre? Er bekomme auf Lebensmittelkarten ausgegebenen Weizen, internationale Hilfsgüter. Außerdem besitze er jenseits der Front ja Land. Die darauf wachsenden Feldfrüchte garantierten ihm ebenfalls ein bescheidenes Einkommen. Bis vergangene Woche überschritten Eselstreiber und Kamelführer regelmäßig die Frontlinie und betrieben auf beiden Seiten Handel. Die Afghanen haben sich in den jahrzehntelangen Kämpfen eine gewisse Geschmeidigkeit im Umgang mit den Gesetzen des Krieges zugelegt.

Rechts der Straße liegen sechs frisch aufgeschüttete Hügel. Es sind die Gräber jener Lagerbewohner, die in der vergangenen Woche gefallen sind. Auf jedem Grabhügel flattert ein Wimpel, das Zeichen dafür, dass einer im Kampf gestorben ist. Dahinter fällt das Land in das breite Flusstal des Pjandsch ab. Hier lagert gerade Kommandant Mohammad Aschim, bevor er mit seinen Truppen wieder an die Front zieht. Ein Landsknechtlager wie in einer Filminszenierung. In großen, mit Holzdeckeln verschlossenen Kesseln dampfen Reis und rote Bohnen. Ein gieriges Gedränge vor der Essensausgabe. Das Animalische im Menschen liegt wie Würze in der Luft. Ein wilder Haufen umringt den fremden Besucher, haut ihn um Geld an. Die eine oder andere Hand schlüpft in seine Jackentaschen. Ein Mobiltelefon verschwindet.

Der Kommandant hat harte, grüne Augen und eine nach 22 Jahren Waffendienst von Wetterpusteln entstellte Haut. Der Krieg ist sein Handwerk. Es gehe in diesem Krieg, behauptet er, gegen den Terrorismus und für die Freiheit. Hehre Werte, schöne Worte. Ob der Krieg für ihn nicht vielmehr zum Lebensinhalt, zum Selbstzweck geworden ist? Er kämpfe für die Regierung und folge den Befehlen des Außenministeriums. Wenn der Kommandant vom Kampf gegen den Terrorismus redet, klingt das so, als habe er das Wort eben erlernt, als sei ihm der Gedanke an den Antiterrorkampf nie gekommen, bevor seine Regierung ihren Kampf gegen die Taliban so zu rechtfertigen begann.

Die Regierung hat ihren neu entdeckten Freiheitsbegriff noch nicht sehr weit entwickelt. Sie funktioniert wie ein Polizeistaat. Das Außenministerium, das sich ausländischer Journalisten annimmt, kontrolliert deren Bewegungen durch täglich neu ausgestellte Passierscheine. Wer sich dem Kontrollsystem nicht unterwirft, wird des Landes verwiesen. Das Ministerium lässt Berichterstatter auch nur in Begleitung amtlich akkreditierter Dolmetscher über Land fahren. Oft übersetzen sie ganz offensichtlich nicht die Aussagen der Befragten aus einer Sprache in die andere, sondern geben Erklärungen ab, die ihnen im Sinne der Regierungspolitik opportun zu sein scheinen. Manchmal sind es frei erfundene "Tatsachen".

Auch Nadsch Mudin spricht brav vom Krieg gegen den Terrorismus und für die Freiheit. Er ist Panzerkommandant. Sein russischer T-55 ist hinter einer Erhebung in vier, fünf Kilometer Entfernung von den Stellungen der Taliban eingegraben. Das Kriegsgerät wurde vor drei Monaten geliefert, offenbar eine Sendung aus dem Iran. Er nennt das stählerne Ungetüm neu. Auf dem Bordgewehr ist ein Datum eingeschlagen: Baujahr 1976.

Auch der Unterstand der Panzercrew stammt aus dem Iran: ein Zelt des Roten Halbmonds, des islamischen Roten Kreuzes. Eine Trennung von militärischem und humanitärem Material existiert hier nicht einmal zum Schein. Umgekehrt scheint es relativ wenige militärische Geheimnisse zu geben.

Mudin führt alle Funktionen seines Todesgefährts vor, dreht das Kanonenrohr in diese und jene Richtung und würde auch gern einen Schuss in Richtung Taliban abfeuern, aber aus dieser Stellung darf er das gerade nicht, sonst bekäme er Schwierigkeiten mit dem Außenministerium. Mudin war schon Panzerkommandeur, als die Taliban 1995 und 1996 das Land überrannten. Vor acht Jahren begann er seine Armeekarriere. Jetzt freut er sich auf die Rache an dem Feind. Wie wilde Tiere abknallen will er sie - "kill them all". Und wie steht es um die Grausamkeiten und die Massenvergewaltigungen, die seine Seite sich zuschulden kommen ließ, als sie in Kabul an der Macht war? "Dazu hat er Ihnen nichts zu sagen", sagt der Dolmetscher. Mudin lacht.

Mittags ist es still im Lazarett von Saksakol. Das Hospital dient als zentrale Aufnahmestation für den Frontabschnitt Daschte Ghalle, den Bezirk unter Kontrolle Mahmud Hassans. Im Norden grenzt er an Tadschikistan. Von einer Stelle am Grenzfluss, an der die Kokcha in den Pjandsch mündet, verläuft er jetzt entlang der Front nach Süden. Das Krankenhaus erinnert eher an eine staubige Karawanserei denn an ein Hospital. Die Notaufnahme ist in einem Armeezelt im Innenhof untergebracht. Die Innendecke ist löchrig und angefressen. An diesem Morgen ist noch niemand eingeliefert worden. Die zehn Eisenbetten, jedes ein anderes Modell, in denen sich seit Generationen Siechtum gewälzt haben muss, stehen auf hart gestampfter Erde. Auf jedem Bett eine dünne Matratze, darum geschlagen eine graue Wolldecke und auf der einen oder anderen Lagerstatt auch ein schmutziges rotes Kopfkissen, auf das Schmerzensschreie sich als dunkle Schweißflecken eingefressen haben.

Die Medikamente sind in zwei roh gezimmerten Schränken gestapelt. Verblasste grüne Tablettenschachteln mit kyrillischen Aufschriften; zwei, drei im Westen hergestellte Antibiotika; Flaschen mit Infusionslösung. Ein Gestell zum Aufhängen von Infusionsflaschen, von dem die Farbe schon längst abgeblättert ist, steht schief neben einem Bett. Plötzlich Aktion. Ein Soldat schleppt einen Kameraden im Huckepack herein, lässt ihn auf das nächstbeste Bett abrollen. Doktor Atik Schamim, als Doktor nur daran zu erkennen, dass er keine Uniform trägt, sondern einen abgetragenen Trainingsanzug der Marke Hugo Boss, sieht zu, als seine Sanitäter den Notverband, ein blutgetränktes Halstuch, vom Bein des Verletzten schneiden. Die Kugel ist knapp über dem Knie in den Oberschenkel gedrungen. Reine Routine. Jod - der Soldat windet sich, als die Flüssigkeit das rohe Fleisch trifft -, Infusion, eine milde Betäubungsspritze zur Erleichterung des Transports ins Krankenhaus nach Chawdscha Bahaudin zur Entfernung der Kugel.

In einer Flussbiegung ganz nahe der Front liegt Ay Khanom, das einst das griechische Ai Chanum war, eine Stadt aus der Zeit Alexanders des Großen. Von der alten Stadt sind nur noch die Grundrisse auszumachen. Gräben, die auf den ersten Blick wie Teile einer aufgegebenen Ausgrabung aussehen, entpuppen sich als Schützengräben, die in Schießstände und zu Schießtürmen führen. Ein Schützenstand, der erst ein paar Jahre alt ist, sieht aus wie ein archäologisches Lehmgebilde. Er ist nicht mehr in Gebrauch, seit die Frontlinie auf eine Hügelkette jenseits des Flusses vorgerückt ist.

Nachmittag am Fluss. Ein, zwei Bauern dreschen unter Maulbeerbäumen von Hand ihr Korn. Jungen treiben schwer beladene Esel vorbei. Drei aneinander gebundene Kamele schreiten mit würdiger Herablassung ihres Weges. Dann plötzlich ein mächtiger Knall von dem Hügel über Ay Khanom, der die Nachmittagsidylle wie eine Zäsur zerreißt. Aber niemand kümmert sich. Dort oben ist ein Panzer eingegraben. Alle zwanzig Minuten feuert er eine Salve in Richtung der feindlichen Stellungen. Nach fünfzehn Sekunden hört man dumpf den Rückhall des Einschlags.

Das Leben hinter der Front folgt einem merkwürdig friedlichen Gang. Männer in Tracht, die nur an ihren Gewehren als Soldaten zu erkennen sind, kommen zum Flussufer und lassen sich von Reitern auf deren Pferden über den Fluss bringen. Andere reiten selber hinüber, wie eine Kavallerie aus einer längst vergangenen Epoche. Ein Vater bringt seinen pausbäckigen Sohn hinüber; vierzehn, fünfzehn Jahre alt mag er sein. Er hat sein Gewehr nonchalant wie ein Alter umschlungen. Seinem Gesicht ist keine Angst und kein Bangen anzusehen. Aber auch keinerlei Vorfreude auf die Schlacht. Eher gefasste, pflichterfüllte Hingabe.

Manchmal hört man jetzt den Schall von Maschinengewehren und Mörsern. Und immer wieder, fast mit dem Maß einer Zeituhr, die Detonationen von der Panzerstellung oben auf dem Hügel. Einmal fährt ein hochrädriger Kastenwagen über den Fluss und zieht auf dem jenseitigen Ufer eine lange Staubfahne hinter sich her. Vielleicht Nachschub an Munition. An Nachschub, hört man, mangele es, nicht nur in diesem Frontabschnitt. Die Taliban kontrollieren nach wie vor die meisten für die Nordallianz lebenswichtigen Straßen.

Ein Armeelaster kommt zurück, erst eine Staubfahne hinter sich her ziehend und dann, im Wasser, eine Fontaine. Am diesseitigen Ufer angekommen, hält er kurz an. Auf der Ladefläche liegen auf schlichten Bahren fünf Soldaten. Drei von ihnen sind tot, zwei verletzt.

Eine Leiche wird wenig später oben im Dorffriedhof vergraben. Aus Mazar-i-Sharif soll der Soldat stammen, aus einer Stadt in der Hand der Taliban. Keine Mutter und kein Vater betrauern ihn. Wenn sie je vom Tod ihres Sohnes hören, wird sein Grab ein von der Sonne befestigter Erdhügel sein, einer von Hunderten auf diesem Todesacker. Die örtlichen Behörden werden die Flagge aufrichten, die das Grab des Toten aus Mazar-i-Sharif unter denen normal Verstorbener herausheben wird.

Am Nachmittag werden auf dem Leichenacker neue Rekruten geschliffen. Ein kurioses Bild. Vielleicht ist das hügelige Totenfeld wie geschaffen für die Übung, ein lebensechtes Schlachtengelände. Die frischen Soldaten sollen die Taliban in direktem Kampf in ihren Stellungen angreifen und in das Gebiet des Generals Dostum durchbrechen. Sie sehen aus wie das letzte Aufgebot, alte Männer und halbe Kinder. Eine TV-Crew filmt sie beim Abmarsch. Als sie in komisch martialischer Façon hinter dem Reporter vorbeidefilieren, spricht der in sein Mikrofon: "Die Taliban sind an ihrer Front fest eingegraben. Es ist schwer vorstellbar, wie dieses Aufgebot sie ohne amerikanische Hilfe aus ihren Stellungen verdrängen soll."

Mahmud Hassan, der Oberkommandeur des Bezirks Daschte Ghalle, sei, heißt es, Herr über 5000 Soldaten und ein Drittel der schweren Waffen der Nordallianz. Vor allem die schweren Waffen verleihen seiner Stellung Gewicht. Er ist der unbeschränkte Machthaber in dieser Gegend. Die Einfahrt zu seinem Ansitz zweigt an einer unauffälligen Stelle von der Hauptstraße ab. Unser offizieller Aufpasser verfehlt die Abzweigung - vermutlich kein Zufall.

Von hier führt der Weg zwischen grünen Büschen und ahornähnlichen Bäumen zu einem rechteckigen Rasenstück, das auf zwei Seiten von flachen Gebäuden eingerahmt wird. Auf dem Rasen stehen eine Polstergarnitur und weiße Gartenstühle. Auf den offenen Seiten halten in einigem Abstand zehn Bewaffnete Wache. An einer Ecke spielt ein kleiner Junge auf dem Drehsitz einer alten Luftabwehrrakete Karussell, dreht sich wieder und wieder lachend im Kreis. Die Sonne ist fast untergegangen. Vögel zwitschern und kreischen. Ein Gockel kräht zum letzten Mal. Gänse schnattern. Aus der Ferne hört man von dem Hügel über der altgriechischen Stadt gelegentlich Geschützdonner. Hassan sitzt auf dem Polstersessel und lässt die Kugeln einer Holzperlenkette durch die Finger gleiten. Er hat ein gütiges Gesicht und neben den Augen stark eingefurchte Lachfältchen. Manchmal spielt ein Lächeln auch um seinen Mund, wenn er sich die Antwort auf eine Frage zurechtlegt. Zum Beispiel auf die Frage, was die Nordallianz eigentlich sei.

Eine schwierige Frage, meint er. Die Allianz sei nämlich gar kein Bündnis mit einer zentralen Kommandostruktur, sondern "eine Ansammlung, ein Haufen Leute, die vor Jahren den Krieg gegen die Taliban verloren". Ihre Organisationsformen seien so undurchsichtig wie ihre Politik. Wer wissen will, wie die Allianz funktioniert, muss verstehen, das hier Befehle kaum gegeben werden. Bedeutend sind Begriffe wie "Vorschlag" und "Anregung". Wer sich so äußert, muss sich damit begnügen, zu hoffen, dass die lokalen Kriegsherren folgen. Das geschieht dann - oder auch nicht. Der beste Vergleich für die Organisationsform, der Hassan einfällt, ist der mit einem Spinnennetz. Aber auch der Vergleich scheint nicht recht zu stimmen. Kontakte innerhalb der Allianz beschränken sich auf Gruppierungen, auf private Absprachen, die dann möglicherweise mit dem Oberkommando abgestimmt werden.

Und wer ist dieses Oberkommando? Leute wie er. "Lauter kleine Könige. Jeder ist hier ein kleiner König." Um Hassans Lippen spielt wieder dieses Lächeln. Die Regierung gehört für ihn jedenfalls nicht dazu, für die hegt er kaum verhohlene Verachtung. Präsident Rabbani, das nominelle Staatsoberhaupt Afghanistans, erwähnt er nur einmal, und auch nur indirekt als "einen dieser Leute", die nach seinem Dafürhalten vor allem eine zweifelhafte Rolle spielen, "weil sie nicht darauf hören, was das Volk will".

Aber auch das Oberkommando hat seit Wochen nicht mehr getagt. Genauer gesagt, seit dem Attentat auf Massud. Jetzt, wo alle Welt meint, die Stunde der Nordallianz sei gekommen, existiert sie also praktisch gar nicht mehr? Sie befindet sich in einem Zustand der Lähmung? Ist das nicht merkwürdig?

"Das finden wir auch", sagt Hassan. "Aber bei uns herrscht eine ziemliche Ratlosigkeit. Einmal intern, aber dann auch extern, über die Absichten der USA und über die Rolle, die wir in diesem Krieg spielen sollen. Darüber, wohin der Weg führt."

Das Vogelgekreisch ist ohrenbetäubend geworden. Dann erstirbt es mit einem Mal. Jetzt ist es dunkel. Es wird kalt. Wir gehen ins Haus. Das Wohnzimmer ist ein hoher, kahler Raum. An der massiven Balkendecke hängt verloren eine Glühbirne, die den Raum spärlich erhellt. Auf dem Boden liegen rote Teppiche und, entlang der Wände, dünne Matratzen, auf denen drei bärtige Männer sitzen. Sie erheben sich. Dann lässt sich jeder wieder mit untergeschlagenen Beinen nieder. Zwei Diener bringen zuerst eine schön verzierte Kanne und ein Becken zum Händewaschen. Dann tischen sie das Abendessen auf. Reis, zartes Lammfleisch, eine Suppe, Fladenbrot, Trauben, Äpfel und Melonen. Einen eigenen Teller sowie Löffel und eine Gabel für den Fremden, um ihm das landesübliche Essen mit den Fingern zu ersparen.

Hassan stimmt versöhnliche Töne an. Die Bevölkerung, sagt er, sei kriegsmüde. Kriegsmüde Menschen seien eher bereit zu verzeihen, als Rache zu üben. Alle Nachbarn Afghanistans müssten bei einer Friedenslösung beteiligt werden, auch das der Nordallianz verfeindete Pakistan. Er macht keinen Hehl daraus, dass die Gruppen, die heute die Nordallianz bilden, Verbrechen begingen, als sie in Kabul an der Macht waren. "Wir müssen zu dem stehen, was wir getan haben", sagt er, "und wir müssen bereuen. Wenn die Bereitschaft dazu nicht da ist, wird es keinen Frieden geben." Er hat auch einen orientalischen Aphorismus parat, der bedeuten soll, dass es an der Besonnenheit der Menschen liegt, wie lang und wie schwierig der Weg zum Frieden ist: "Bei uns heißt es: Je feuchter das Getreide, umso langsamer mahlen die Mühlen."

Nach dem Essen trinken wir Tee. Dann betten wir uns für eine Stunde zur Ruhe. Aber der Abend ist noch nicht vorbei. Ein später Besuch bei einer "einflussreichen Persönlichkeit" in Chawdscha Bahaudin, der inoffiziellen Hauptstadt der regierungstreuen Truppen. Durch ein Fenster im Oberstock fällt schwacher Lichtschein. Unser Begleiter klopft mit der Faust gegen das Tor. Nach einer Weile öffnet es sich einen Spalt. Man sieht eine flackernde Laterne.

Oben lassen wir uns zu beiden Seiten der "einflussreichen Persönlichkeit" auf den entlang der Wände ausgelegten Matratzen nieder. Das Licht kommt von der Laterne, aber aus irgendeiner Quelle speist sich auch Strom für einen alten Schwarzweißfernseher und ein Videogerät. Jemand legt ein Video ein. Es ist ein Amateurvideo und soll erst ein paar Tage alt sein. Zu sehen ist eine Zusammenkunft des Usbekengenerals Dostum mit seinen Offizieren und Befehlshabern an einem geheimen Ort irgendwo in den Bergen.

Das Video ist unglaublich stimmungsvoll. Man sieht, wie die Versammlungsteilnehmer durch ein malerisches Tal zu dem entlegenen Ort reiten. Während der Versammlung - sie findet offensichtlich in einer Höhle statt - hört man im Hintergrund das Wiehern und ungeduldige Stampfen der wartenden Pferde. General Dostum, das merkt man sogar, ohne seine Sprache zu verstehen, ist ein begnadeter Rhetoriker. Seine Rede baut sich auf wie das fließende Wasser eines Stroms von der Quelle bis zur Mündung - erst plätschernd, dann ruhig anschwellend, schließlich großartig strömend. Er verspricht offenbar eine Generalamnestie für Überläufer der Taliban. Auch er gesteht frühere Fehler ein. Und er ermahnt seine Mannen, keine Angst vor dem Sterben zu haben.

Die ihm lauschenden Männer mit ihren Turbanen und mit ihren bedächtigen Mienen strahlen eine Zeitlosigkeit aus, die mit westlichen Vorstellungen von Dringlichkeit und Eile so ganz und gar nichts zu tun zu haben scheint. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages dröhnt aus der Ferne Geschützdonner bis nach Chawdscha Bahaudin - ein jetzt schon fast anheimelndes Geräusch.

Anzeige
  • Von Reiner Luyken
  • Datum
  • Quelle
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte | | | | | Innenpolitik | | | |
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service