Die Fähre ist der einzige Verkehrsweg, über den die Nordallianz das östliche der drei von ihr gehaltenen, durch Taliban-Gebiete getrennte Territorien mit schweren Waffen versorgen kann. Mit russischen Panzern vor allem, die aus dem Iran ihren Weg nach Tadschikistan finden und von dort in die Hochwüsten und Täler des afghanischen Nordens gelangen, in die sich die Regierungstruppen 1996 nach der Vertreibung aus Kabul zurückgezogen haben.

Von der Fähre sind es 15 Kilometer bis nach Chawdscha Bahaudin, dem Ort, in dem Ahmed Schah Massud von zwei als Fernsehjournalisten posierenden saudi-arabischen Selbstmordattentätern umgebracht wurde. Das war am Tag vor den Anschlägen auf New York und Washington. Die Mörder hatten die Bombe in ihrer Kamera versteckt. Wenn es so etwas wie einen Führer der Nordallianz gab, dann war es Massud. Seinem Nachfolger fehlt es an Charisma, Einfluss und Macht. In dem entstandenen Vakuum versuchen nun alte Gegner wieder Einfluss zu gewinnen, vor allem der Usbeke Dostum. Wenn es etwas gibt, das diese und andere Fraktionen einigt, so ist es die Feindschaft gegen die Taliban.

Die anschließende Fahrt im Armeejeep dauert fast zwei Stunden. Nicht mal das Wort "Piste" verdient dieser Weg. Es ist eine durch feinen Mehlstaub führende Achterbahn, ohne Kurven zwar, aber bei jedem Buckel muss man aufpassen, nicht gegen das Dach des Jeeps geschleudert zu werden.

Zwei Mal verpasst der Fahrer eine Abzweigung, verirrt sich erst in einem Zeltlager, wird von einem Wachsoldaten in eine andere Richtung geschickt und fährt dann in Dünen, in denen der Jeep fast stecken bleibt. Manchmal geht die Fahrt durch Ortschaften, enge, unübersichtliche Labyrinthe inmitten hoher Lehmmauern. Die Gassen stammen aus einer Zeit, in der Esel und Kamele die einzigen Verkehrsmittel waren.

Seit Jahren wird hier Krieg geführt. Ein Krieg, in dem die Front sich ständig vor- und zurückbewegt, in dem Dörfer gewonnen und verloren werden, in dem um den Besitz strategisch sinnloser Anhöhen sinnlos Blut vergossen wird, fast wie im Ersten Weltkrieg in Flandern. Seit die Vereinigten Staaten und Großbritannien Jagd auf Osama bin Laden und das mittelalterlich anmutende Klerikalregime der Taliban machen, hat dieser altmodische Krieg eine merkwürdige, eine fast bizarre Komponente. Da ist nämlich dieser andere Krieg, der High-Tech-Angriff mit lasergesteuerten Bomben und computerprogrammierten Flugraketen. Hier bekommt man davon nichts mit. Der High-Tech-Krieg mag sich genauso gut auf der anderen Seite der Welt, nicht im selben Land abspielen. Hier gibt es keinen Strom und kein Telefon, kein Fernseh- und kein Radionetz. Man hört nur Gerüchte, Mutmaßungen und Spekulationen.

An diesem Morgen tritt der Krieg dann doch kurz in Erscheinung, in seiner propagandistischen Variante. Eine Transportmaschine der USA wirft in der Kuratamwüste im Westen von Chawdscha Bahaudin Lebensmittelpakete ab. Bald durchkämmen Kinder und Soldaten, Männer und Frauen das brettflache, graue, von der Sonne hart gebackene Terrain nach den gelben Beuteln, auf denen steht: "Geschenk des amerikanischen Volkes an Afghanistan".

Bald tauchen die ersten Pakete auf dem Basar der Stadt auf. Niemand weiß so recht, wie viel die Beutel wert sein könnten. Eine große Nachfrage gibt es nicht. Auf dem Markt ist alles zu kaufen, was zum Leben gebraucht wird. Frisch geschlachtete Hammel und Ziegen, Kartoffeln und Reis, Weizenmehl und Zucker, Passionsfrüchte, Melonen, Trauben und Äpfel. Leere Mägen füllen die Fertiggerichte aus den Beuteln nicht. Manche sind aufgeplatzt. Die Besitzer werfen sie weg, und der Inhalt verdorrt in der Morgensonne.