W Ä H L E N Ein Abenteurer aus Berlin

Benedikt August von der Weide ist ein alter Hauptstadtkenner. Wer am Sonntag die Wahl gewinnt, dürfte ihm egal sein. Eine tierische Geschichte

Über seine frühe Kindheit ist wenig zu berichten. Mit drei Monaten wurde er entwöhnt, von seinen Geschwistern getrennt und für 400 Mark an einen Lehrer in Ostberlin verkauft. Tagsüber musste der Lehrer lehren und ließ Benedikt deshalb in der Obhut seiner alten Mutter zurück. Schon damals zeigte Benedikt Anwandlungen von ungewöhnlichem Individualismus, und wenn der Lehrer nach getaner Arbeit erschöpft und verdrossen nach Hause kam, geriet er jedes Mal in ein Sperrfeuer von Klagen über Benedikt. Nach ein paar Wochen war er es leid. Er setzte eine Annonce in die Anzeigenzeitung Die Zweite Hand, und dort, zwischen Trabants, die immer billiger, und Ostimmobilien, die immer teurer wurden, entdeckte ein junges Pärchen aus Neukölln Benedikt - zum »Schnupperpreis von 100 Mark«. Die beiden nahmen ihn an die Leine und machten einen Spaziergang mit ihm, doch er riss sich los und raste in der Hauptverkehrszeit über die Karl-Marx-Allee - bei Rot. So geschah das erste Wunder in seinem Leben: Weder wurde Benedikt überfahren, noch verursachte er einen Unfall.

Am gleichen Abend nahmen ihm die jungen Leute das Halsband mit der Erkennungsmarke ab, luden ihn ins Auto und setzten ihn irgendwo im Stadtteil Grunewald ab. Benedikt kratzte höflich an der nächsten Tür und wurde hereingelassen. Sein Gastgeber beschäftigte sich einen Abend lang mit ihm und erkannte, was er an ihm hatte. Er nannte ihn Somersett, fälschte ihm einen Stammbaum und überließ sein weiteres Schicksal dem Anzeigenteil des Tagesspiegels. In der Woche darauf wurde unser Held als Luxusartikel für 800 Mark weiterverkauft und einem kleinen Jungen zum Geburtstag geschenkt. Ein kleineres Wunder: Ohne zu wissen, dass sein richtiger Name Benedikt war, taufte der Junge ihn Benny.

Benny war anders als die anderen, die anderen Berliner

Er war nun elf Monate alt, ein Teenager - schlank, mit schönem roten Fell. Die Mode, größere, aerodynamische Setter zu züchten, war nie bis nach Ostdeutschland vorgedrungen. Benny war ein Kavalier, immer interessiert, die Damenwelt zu beschützen und zu beglücken, und gegenüber Kindern äußerst verantwortungsvoll. Jeden Abend patrouillierte er durch die Wohnung und steckte seine Schnauze in jedes Bett, um zu prüfen, ob es auch belegt war. So entwickelte er die Lebensgewohnheiten eines Stadtbewohners: schlafen, essen, Toilette, toben, die Kinder verabschieden, die zur Schule gehen, schlafen, essen, Toilette, toben, schlafen, die Kinder begrüßen, die aus der Schule kommen, essen, schlafen. Blieb ein Mitglied seiner Familie länger als zwei Stunden weg, war er untröstlich und erwartete die Rückkehr des Betreffenden an der Wohnungstür. Er konnte einen ganzen Monat lang warten. Anders als die meisten Berliner vermochte Benny sich auch über Dinge zu freuen, die mit Fußball oder Vaterland nichts zu tun hatten. Schon beim geringsten Anlass zur Freude geriet er aus dem Häuschen, sprang in die Luft und jubelte, dass den Leuten die Ohren wehtaten. Die Nachbarn konnten ihn deshalb bald nicht mehr leiden. Sie hatten keinen Sinn für seine Güte und interessierten sich nicht für seine Fähigkeit, Wunder zu wirken.

Andere Probleme kamen hinzu: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau, die sich um den Haushalt kümmert. Benny brauchte im täglichen Leben ziemlich viel Beistand, und dabei hielt er sich natürlich an die Frauen. Mit Männern wurde gekämpft. Er hatte sie im Verdacht, sie wollten mit dem Hausmädchen abhauen, und knurrte, wenn sie näher kamen. Er war ein unerschrockener Demokrat - also galt es, das Party-Buffet unter den einfachen Leuten zu verteilen, und zwar vor der Party. Einmal vertilgte er aus politischen Gründen einen kompletten französischen Brie von fast einem Meter Durchmesser, der für einige verwöhnte Gäste angerichtet war. Ein andermal demonstrierte er, dass Geld ihm wenig bedeutete. Er zerstückelte einen Zwanzigmarkschein und ließ die Fetzen im Wohnzimmer liegen. Die Frauen freuten sich über seine Zuwendung, aber dass sie sich jeden Tag um ihn kümmern sollten, war ihnen lästig. Auch die Kinder weigerten sich, mit ihm spazieren zu gehen. Die Großstadt ist kein idealer Ort für einen Kerl mit so vielen Ideen und so viel Energie. Man erörterte die Frage, ob sich für Benny kein »besserer« Platz finden ließe.

Zu dieser Zeit gab es in Deutschland viele Chinesen, die vor der politischen Repression in ihrer Heimat geflohen waren. Wei-Wei war Ärztin und schrubbte sich als Haushälterin durch den Berliner Mittelstand. Ihr eigenes Kind hatte sie in China gelassen, und Deutsch sprach sie kaum. Aber als die Kinder anfingen zu zetern, Benny werde ihnen zu viel, da verstand sie, dass Benny verschwinden sollte. Sie saß in der Küche, schnitt mit ihrem größten Messer das Gemüse klein, hörte sich an, wie die Kinder jammerten und die Eltern schimpften, und machte schließlich einen Vorschlag. »Ich habe mal Hund gegessen, in Peking. Ich kenne eine gute Soße ... für Hund.« Da durfte Benny weiterleben. Die Kinder gingen sogar wieder mit ihm spazieren. Den Tiergarten schätzte er besonders, vielleicht wegen der Verbindung zu Rosa Luxemburg. Die Kinder ließen Benny nicht mehr mit Wei-Wei allein. Dazu später mehr.

Ein großes Wunder ereignete sich am 10. November 1993, als Benny eine Angehörige der Berliner Intelligenz vor schwerem Schaden bewahrte. Eine Freundin der Familie, die wegen ihrer Schönheit, ihrer Klugheit, ihrer Feste und nicht zuletzt wegen ihrer hohen Absätze stadtbekannt war, erklärte sich bereit, mit ihm einen Spaziergang durch den Schlosspark zu machen. Es war ein trüber, eiskalter Novembermorgen. Am Abend vorher hatten etliche Unentwegte wieder einmal mit Krachern den Fall der Mauer gefeiert und Berlin akustisch in ein Kriegsgebiet verwandelt. Benny war ein solcher Pazifist, dass er die ganze Nacht unter dem Couchtisch verbracht hatte. Beim Waffenstillstand am frühen Morgen wusste er sich vor Lebensfreude kaum zu lassen. Der See im Schlosspark war zugefroren, und er galoppierte los. Zehn Meter hinter der Uferkante endete die Waffenruhe - irgendwo in der Ferne ging ein später Kracher los, und plötzlich merkte Benny, dass er auf dem Eis war. Er bekam es mit der Angst und begann am ganzen Körper zu zittern, konnte nicht mehr vor und nicht zurück. Furchtlos, mit hoch erhobenem Kopf, wandelte die Dame über das Eis und ermunterte ihn mit sanften Worten, ans Ufer zurückzukommen. Die Absätze ihrer Schuhe waren mindestens zehn Zentimeter hoch, und das Eis war höchstens zwei Zentimeter dick, und dennoch - sie brach nicht ein, sie rutschte nicht mal aus. Der Vorfall wurde Stadtgespräch.

Es war klar, dass er seine Bestimmung nicht erfüllt hatte

Ein großes Wunder trug sich nach Aussage von Bennys Chirurgen auch zu, als er ein paar Jahre später den Zusammenprall mit einem Mercedes überlebte. Das Wunder kostete allerdings 5000 Mark, und Wunder, die etwas kosten, zählen eigentlich nicht. Der Mercedes war gestohlen und gerade auf dem Weg nach Litauen, deshalb brachte der Fahrer Benny nicht ins Krankenhaus, sondern ließ ihn einfach wimmernd am Straßenrand liegen. Doch Benny wurde geistlicher Beistand zuteil - in einer nahe gelegenen Moschee betete man für ihn.

Zu dieser Zeit war Krieg auf dem Balkan, und viele Bosnier suchten Zuflucht in Deutschland. Eine junge bosnische Wirtschaftswissenschaftlerin, die bei der Suche nach einem Job Bennys Bekanntschaft gemacht hatte, hörte als Erste von dem Unfall und alarmierte ihren Großvater, den Imam. Ein Streit entbrannte. Sie lebten zu siebt in einem Zimmer, und der Streit erschütterte das ganze Haus. Der Imam fand es ungehörig, für jemanden zu beten, der kein Mensch sei. Doch als die Wirtschaftswissenschaftlerin ihn anschrie: »Wie kommst du dazu, bestimmen zu wollen, was ein Mensch ist und was nicht?«, lenkte er ein, und alle beteten, sodass Benny fünf Stunden Chirurgie überlebte. Das eigentliche Wunder war aber seine postoperative Genesung. Einen Tag nachdem man ihm die Leber geflickt, die Blase wieder mit der Harnröhre verbunden und die zerquetschte Milz entfernt hatte, versuchte der bandagierte Patient eine andere Patientin, die zufällig auf dem Flur unterwegs war, zu schwängern. Man musste ihn mit Gewalt von ihr trennen, und er wurde des Hospitals verwiesen. Es war klar, dass er seine Bestimmung auf Erden noch nicht erfüllt hatte.

Benny war inzwischen sechs Jahre alt - schmal, muskulös, und den roten Schwanz hielt er hoch wie eine Fahne. Man schrieb das Jahr 1996. Ringsum auf den Straßen verebbte die Freude über die Wiedervereinigung. Die Leute machten sich jetzt Sorgen um ihr Geld. Sie fingen an, einander zu hassen. Wei-Wei war dorthin gegangen, wo Benny herkam. Sie hatte im Osten einen China-Imbiss eröffnet. Ein ungeheurer Erfolg. Wei-Wei verdiente jetzt mehr, als ihre früheren Arbeitgeber je verdient hatten - an die 30 000 Mark im Monat. Sie hatte Benny in ihr Herz geschlossen und kam ihn nun, da sie wohlhabend war, oft besuchen.

Vielleicht war es ja bloß ein Zufall - aber die Stadtverwaltung änderte den Flächennutzungsplan für den Bezirk und erklärte den Imbiss für unzulässig. Wei-Wei musste ihren Laden zumachen. Nachdem sie fort war, legte ein Deutscher Widerspruch gegen die Entscheidung ein, hatte Erfolg und eröffnete an der gleichen Stelle einen deutschen Imbiss. Inzwischen hatte Wei-Wei ihre siebenjährige Tochter Ucheng aus China zu sich geholt und sämtliche Ersparnisse in ein neues Restaurant in einem malerischen Städtchen unweit von Leipzig gesteckt. Den dortigen Skinheads gefiel das nicht. Nachts sprühten sie Hakenkreuze auf die Fensterscheiben, und eines Abends, während der Hauptgeschäftszeit, kam ein Trupp von ihnen ins Restaurant, fing an, das Geschirr zu zerschlagen, und bedrohte die Gäste. Die Polizei war so klug, sich aus dem Tumult herauszuhalten. Die Gäste suchten, ohne zu zahlen, das Weite und kamen nicht wieder. Wei-Wei rief ihre Freunde in Berlin an und erzählte ihnen von dem Vorfall, und als sie schließlich Benny um Hilfe bat, war der natürlich sofort bereit, zu ihr zu kommen und sie zu beschützen. So begann ein neues Kapitel in Bennys Leben - an vorderster Front im Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, als Wachtmeister in einem China-Restaurant.

Mehr als ein Jahr lang bewachte Benny Wei-Wei und ihre Tochter Ucheng. Sie bezahlte ihn in Naturalien, mit Speiseresten. Eines Abends kamen mehrere Neonazis in das Restaurant. Wei-Wei brauchte gar nichts zu sagen - Benny spürte ihre Angst. Majestätisch kam er aus der Küche und knurrte die Neonazis an. Das Wunder geschah: Die Skinheads bestellten Wantan-Suppe zum Mitnehmen und verdrückten sich kleinlaut. Nachts wurden natürlich immer noch Hakenkreuze an die Fensterscheiben gesprüht, aber mit ein bisschen Ärmelaufkrempeln waren sie schnell beseitigt. Erst als Ucheng auf der Straße von Kindern in ihrem Alter bedroht worden war, verkaufte Wei-Wei ihr Restaurant mit Verlust und ging mit ihrer Tochter nach China zurück. Benny kehrte heim nach Berlin. Er war dick geworden und nicht mehr so wendig wie früher. Wei-Wei machte sich in ihren Briefen Sorgen, Benny bekäme nicht genug zu essen, weil ihm die chinesischen Leckerbissen fehlten. Die früheren Angestellten von Wei-Weis Restaurant arbeiteten nun in anderen asiatischen Lokalen - doch abwechselnd fuhren sie nach Berlin und brachten Benny seine Lieblingsgerichte - Entensuppe oder frittierte Fleischbällchen.

Benny war müde geworden. Sein Gehör war nicht mehr so gut wie früher. Er sehnte sich nach langen, geruhsamen Spaziergängen ohne lästige Leine. Die Sache wurde besprochen, und man beschloss, dass er sich eine eigene Datscha verdient hatte, mindestens acht Hektar, auf denen er sich frei bewegen konnte. Schließlich kauften ihm seine Besitzer ein Landhaus in Amerika - weil dort die Bodenpreise niedriger waren. Wie Millionen Deutsche vor ihm sollte auch Benny in eine bessere Welt auswandern. Vorher musste er allerdings noch einen Flug mit der Lufthansa überstehen.

Benny lebt im Reihenhaus und gelegentlich auf seiner Datscha

Eines Morgens um sieben, nach einem letzten heimatlichen Leberwurstfrühstück, dem so viel Valium beigemischt war, dass er neun Stunden lang nicht aufwachen würde, wurde er in einem Kasten in den Laderaum eines Flugzeugs gepackt und auf den Weg in die Neue Welt gebracht - mit Umsteigen in Düsseldorf. Hier stellte das Schicksal Benny noch einmal auf eine harte Probe. Die Maschine in Düsseldorf hatte ein technisches Problem, und die Fluggesellschaft ließ ihre Passagiere acht Stunden am Terminal warten. Erst am späten Nachmittag, als die Wirkung des Valiums schon nachließ, startete Benny endlich nach New York. Doch gleich hinter Düsseldorf hatte der Jet den nächsten Maschinenschaden. Der Pilot brauchte weitere zwei Stunden, um Treibstoff über der menschenleeren Wüste zwischen Düsseldorf und Frankfurt abzulassen, ehe er eine Notlandung riskierte. Anschließend erklärten viele Passagiere, sie hätten »die Schnauze voll« von der Lufthansa, und wollten nicht weiterfliegen. Niemand fragte Benny, was ihm am liebsten wäre, also blieb er im Laderaum. Doch zuletzt schaffte er es bis Amerika - eine Reise im alten Stil, 23 Stunden, ohne Beruhigungsmittel. Als Benny, würdig wie immer, am Schalter der Einreisekontrolle vorübertrottete, war klar, dass er die schwerste Prüfung seines Lebens hinter sich hatte. Ihm winkte reiche Belohnung.

Heute ähnelt Benny den vielen alten Herren, die in Amerika ihren Mittelschichtwohlstand genießen - er lebt abwechselnd in einem Reihenhaus in einem Vorort von New York und auf seiner Datscha im Tal des Hudson. Seit kurzem hat er eine neue Freundin - Fiona. Sie ist noch jung und sieht ungefähr so aus wie er früher. Die beiden mögen sich sehr und machen einen glücklichen Eindruck. Benny ist schon wie die meisten Amerikaner. Politik interessiert ihn nicht, und was in der Welt geschieht, lässt ihn kalt. Der Futternapf ist ihm wichtiger als Heldentaten. Nichts an ihm deutet auf sein außergewöhnliches Vorleben hin, und er spricht nie darüber.

 
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