Missklang beim Morgenläuten

von Tobias Gohlis

In Prag sind die Dämonen los. Verweht sind die Zeiten, in denen Clemens von Brentano die tschechische Hauptstadt als "goldene" besang: "Prag, du meines Glückes reiche Schwelle! Sieh! Auf dem Schloß erglänzet eine Krone. Und wie ein Königsmantel weit ergießt die goldne Stadt sich vor des Berges Throne."

Die Krone ist gestürzt, der Königsmantel verrottet. Die Zeit kehrt sich um, es herrscht das schwarze Grauen. Mörder streifen durch die Prager Neustadt.

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Bevor sie töten, quälen sie. Ein Gymnasiast wird auf die herabgestürzte Turmkrone von Sankt Stephan geflochten, ihre Zacken ragen aus der Brust des Toten. Ein Mann hängt mit den Fußsehnen an der großen Glocke von Sankt Apollinarius. Zum Glück hat Kvfltoslav Svach ein empfindliches Ohr. Dem Expolizisten stößt ein Missklang beim Morgenläuten auf. Im letzten Augenblick bewahrt er den Architekten davor, zwischen Glocke und Turmwand zerschmettert zu werden.

Und die Socken, die jemand über die Fahnenmasten vor dem Prager Kongresszentrum gepannt hat, sind die abgerissenen Beine eines anderen Architekten.

Das Grauen hat System. Die Opfer sind wie für "groteske Schauspiele" inszeniert. Bestrafen und Abschrecken wollen die Mörder, ihr Motiv ist Architekturkritik. Sie schreiben keine Aufsätze mehr, sie hängen die Ingenieure gleich auf, die Prag verschandeln. Doch sind Plattenarchitektur, Verkehrschaos und strahlenkontaminierte Massenwohnungen nur die allerjüngsten Bausünden, die Bestrafung verlangen. Bereits die Hussiten, die im 15.

Jahrhundert die Dachornamente der gotischen Kathedralen als Geschosse gegen die Heere der einzig wahren Kirche einsetzten, später dann die barocken Tortenbäcker und Bastler von Zwiebeltürmchen vergingen sich gegen den wahren gotischen Geist.

Die Rache der Baumeister ist kein Krimi klassischer Machart, in dem es um Verbrechen und ihre Aufdeckung geht. Das suggeriert zwar der deutsche Verlag im Untertitel, aber der junge tschechische Autor Milos Urban ist auf Spannenderes aus. Ihm geht es, mit deutlichen Verweisen auf die Klassiker der Gothic Novel, um die Wiederbelebung des Schauerromans. "Was glaubst du, wie Horace Walpole heute schreiben würde? Wäre ihm das moderne Prag schaurig genug?", disputiert der versponnene Svach mit einer Jugendfreundin die literarischen Aspekte des goticky román, wie der originale Untertitel lautet.

Urbans Antwort ist eine geheimnisumwitterte, auch erst nach und nach erkennbare Verschwörung, die darauf zielt, die Prager Neustadt komplett in die Gotik zurückzubeamen, in die Zeit Karls IV., der diesen südlicheren Teil der Prager Innenstadt um sechs Kirchen herum errichten ließ.

Ein halb deutsch, halb tschechischer Ritter von Lübeck, umweht von einem schwarzen Cape, und sein koboldhafter Assistent Raymond treten als westliche Investoren auf, die vorgeblich die alten gotischen Kirchen restaurieren. Doch ihr geheimes Ziel ist die Errichtung von "Siebenkirchen", einer mittelalterlich-frommen Enklave mit der von Karl IV. geplanten, aber nie realisierten Fronleichnamskapelle als sakralem Mittelpunkt.

Menschliches Objekt ihrer dämonischen Begierde ist Kvfltoslav Svach. Der gescheiterte Geschichtsstudent und Expolizist mit abgebrochener Priesterausbildung, dessen Vorname eher zu einem Mädchen passen würde und dessen Nachname auch in Prag "schwach" bedeutet, teilt die Verachtung der adligen Verschwörer für die letzten 600 Jahre. Er verfügt über die für das Projekt "Siebenkirchen" ausschlaggebende Fähigkeit, per Trance ins 14.

Jahrhundert zurückzukehren. Aber die bedingungslose Grausamkeit der Verschwörer stößt ihn trotz aller grundsätzlichen Neigung zum Mittelalter ab.

So spitzt sich alles auf die Frage zu: Werden die Fanatiker siegen, oder kann Svach stark werden?

Urbans Schluss ist gruseligste schwarze Utopie: Die Gotik kehrt zurück - an einen Unort. Schaueralarm!

Milos Urban: Die Rache der Baumeister

Ein Kriminalroman aus Prag

aus dem Tschechischen von Eva Profousová und Beate Smandek

Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2001

380 S., eine Prag-Karte, 39,90 DM

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