I N T E R V I E W Maßnahmenpaket zur Inneren Sicherheit
Interview mit Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef
Zagatta: Es war eine schwere Geburt, aber SPD und
Grüne geben sich jetzt sehr zufrieden mit dem Kompromiss
über das Gesetzespaket zur Terrorismusbekämpfung,
den sie am Wochenende ausgehandelt haben. Ob die Opposition
zumindest einverstanden ist mit den jetzt vorgesehenen
Maßnahmen, das wollen wir jetzt Edmund Stoiber fragen,
den bayerischen Ministerpräsidenten. Guten Morgen Herr
Stoiber!
Stoiber: Guten Morgen Herr Zagatta.
Zagatta: Herr Stoiber, verbesserte Ausweispapiere, etwas
mehr Kompetenzen für das Bundeskriminalamt und den
Bundesnachrichtendienst, ist das ein Kompromiss, mit dem auch Sie
leben können?
Stoiber: Nein, das reicht natürlich bei weitem
nicht aus, aber bevor ich überhaupt auf Einzelheiten
eingehe, möchte ich einfach deutlich machen, dass die
rot/grüne Koalition sicherlich nicht in der Lage ist, die
Bedrohung, unter der wir gegenwärtig leben, auch richtig
zu analysieren und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Unsere
gegenwärtige Rechtsordnung ist nicht geschaffen
dafür, diese riesige Gefahr des Terrorismus entsprechend
abzuwehren, und ich stelle mit großer Sorge fest, dass
eigentlich in dieser Koalition immer zu viel diskutiert wird
zwischen Freiheit und Sicherheit. Man begreift einfach nicht, dass
das keine Alternative ist, dass das keine
Gegensätzlichkeit ist, sondern dass die Sicherheit, die
heute bedrohter ist als gestern und vorgestern, die Voraussetzung
für Freiheit ist. Deswegen verstehe ich nicht, dass man
sich zum Beispiel so viel quält über die
Notwendigkeit, auch in die Pässe Fingerabdrücke
zu tun, etwas was international, was in Amerika gang und
gäbe ist, was überhaupt nicht verstanden wird,
warum wir hier nicht die notwendigen Schritte tun, um eben Gefahren
abzuwehren. Deswegen sind wir ja auch international etwas
gebrandmarkt als ein Land, das zu wenig tut, um als Ruhe- und
Vorbereitungsraum der Terroristen zu operieren. Das ist das
Problem!
Zagatta: Mit den Fingerabdrücken in den
Pässen, mit den sogenannten biometrischen Daten, soll sich
der Bundestag jetzt beschäftigen. Das ist so wohl
geplant.
Stoiber: Was soll denn das heißen? Wir haben
doch eine Regierung. Die Regierung muss doch jetzt wissen, was sie
will. Sie kann doch nicht so eine wesentliche Frage einfach offen
lassen und sagen, da schauen wir mal, wie gerade die Mehrheiten
zufälligerweise im Bundestag zu Stande kommen, sondern man
muss doch jetzt in dieser entscheidenden Frage etwas tun, wo wir
unter Vorwürfen leben, die Franzosen und zum Beispiel
kritisieren, dass wir einfach zu wenig tun, um als Operationsraum
für terroristische Anschläge zu gelten, die
Amerikaner kritisieren uns heftig und sagen, ihr seid eigentlich
ein Land, das am meisten als Ruheraum und als Vorbereitungsraum
für terroristische Anschläge gilt, weil euere
Rechtsordnung nicht genügend ausgestattet ist, um solchen
Untrieben frühzeitiger Herr zu werden. Das ist doch ein
internationaler Vorwurf. Wir können doch hier nicht
national diskutieren, als würden wir uns noch vor dem 11.
September befinden.
Zagatta: Wenn Sie sich querstellen, dann wird aber das
ganze noch länger dauern, bis tatsächlich etwas
passiert. Sind Sie einigermaßen damit einverstanden?
Machen Sie das zumindest mit und fordern Sie dann noch
weitergehende Maßnahmen?
Stoiber: Das was sinnvoll ist werden wir mitmachen. Wir
sind doch keine Opposition um der Opposition willen. Das was
sinnvoll ist, also Verbesserungen der Kompetenzen des
Verfassungsschutzes, auch Verbesserungen der Kompetenzen des
Bundeskriminalamtes, Verbesserungen der Polizei insgesamt, das wird
natürlich von uns mitgetragen. Entscheidende Fragen werden
aber nicht geklärt. Zum Beispiel gibt es keine weitere
Übermittlung, die wir gefordert haben, des Bundesamtes
für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge an die Polizei und an die
Landesverfassungsschutzbehörden der Länder. Es
ist doch eine Unerträglichkeit, dass Daten der
Asylbewerber, die nach Angaben beim Bundesamt für die
Anerkennung ausländischer Flüchtlinge einer
terroristischen Organisation angehören, einer Organisation
wie zum Beispiel der "GIA" in Algerien angehören, bislang
jedenfalls und auch künftig nicht an die entsprechenden
Polizeibehörden und an die
Landesverfassungsschutzbehörden gegeben werden, wenn
dieser "Asylbewerber" in irgendein Gebiet geht und sich dort
meldet. Die Polizei ist damit künstlich dumm gehalten
worden, weil die Daten nicht hinreichend weitergeleitet werden.
Dass die Sozialämter nicht in notwendiger Weise die Daten
an die Sicherheitsbehörden aushändigen
dürfen, das ist für mich unbegreiflich. Das ist
auch nicht der internationale Standard. Wir haben
gegenwärtig eine bestimmte Bedrohung gerade auch durch
Ausländer. Das darf man ja nicht verkennen. Wir haben es
im Moment ja nicht mit einem inländischen Terrorismus zu
tun, sondern mit einem spezifischen Terrorismus aus den arabischen
Ländern, respektive aus den Fundamentalisten der
arabischen Länder. Also müssen wir doch hier
Einflussmöglichkeiten dieser Terroristen bei der
Zuwanderung eingrenzen. Dann brauchen wir eben zum Beispiel auch
gemeinsame Textdateien der Verfassungsschutzbehörden von
Bund und Ländern. Wir brauchen sicherlich auch eine
Speicherung von Daten über das Verhalten
Minderjähriger ab der Vollendung des 14. Lebensjahres,
etwas was in den Vereinigten Staaten oder was auch in anderen
Ländern Europas stattfindet. Was ganz entscheidend ist,
dass wir nach wie vor zu wenig die 31000 Extremisten
berücksichtigen, die terroristischen oder extremistischen
Vereinigungen angehören, islamistische Personen, die
religiöse Fanatiker sind. Die leben in Deutschland in
dieser großen Anzahl und im Grunde genommen brauchen wir
hier eine Regelausweisung solcher Leute aus unserem Land. Alleine
für einen einzigen solcher Extremisten brauchen wir zum
Beispiel, wenn wir ihn rund um die Uhr beobachten wollen, 30
Beamte. Das zeigt doch schon auf, dass wir nicht die notwendigen
Schritte tun, um dieser gegenwärtigen, sehr massiven
Bedrohung entgegentreten zu können.
Zagatta: Herr Stoiber, dazu hat der innenpolitische
Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Erwin Marschewski jetzt
laut "Bildzeitung" gefordert, diese ausländischen
Terrorverdächtigen einzusperren, eventuell abzuschieben
und nicht erst auf richterliche Anordnungen zu waren. Was sagt denn
da der Jurist Edmund Stoiber zu dieser Forderung?
Stoiber: Das hat Herr Schily ja selbst überlegt,
indem er gesagt hat, wir müssen notfalls solche Personen
in ein Drittland geben. Wenn wir sie nicht zurückweisen
können, weil Folter und Todesstrafe drohen, dann
müssen wir uns überlegen, ob wir sie nicht in ein
Drittland legen.
Zagatta: Aber reicht dazu der bloße Verdacht
aus?
Stoiber: Darüber muss man diskutieren. Es ist
sicherlich eine massive Eingrenzung. Es kommt darauf an, wie man
die Bedrohungslage analysiert. Ist die Bedrohungslage so, dass wir
gerade aus diesen Bereichen auch Opfer von
Selbstmordanschlägen werden können, dann wird man
sicherlich auch diese Dinge überlegen. Ich meine nur, dass
man im Grunde genommen nichts sofort außerhalb der
Prüfung setzen darf, weil eine Feuerwehr richtet sich ja
auch auf einen extremen Brand ein und ist nur für einen
normalen Brand gerüstet, sondern sie braucht auch
technische Einrichtungen, sollten bei einem Brand schwerwiegende
Gifte freigesetzt werden. Wir erwarten, dass
Sicherheitsbehörden auch auf den "worst case" eingerichtet
sind. Darüber müssen wir ernsthaft reden. Ich
will jetzt nicht gleich sagen, das ist alles sinnvoll und kann so
durchgeführt werden, aber insgesamt muss ich mir im klaren
sein, wie weit sehe ich unsere Freiheit ernsthaft bedroht. Dass das
auch die SPD jetzt anders sieht als vor dem 11. September, ist
bemerkenswert und wird auch von uns anerkannt. Deswegen werden wir
auch das, was sinnvoll ist, mittragen. Aber wenn man gleichzeitig
sieht, dass hier so ein Kuhhandel gemacht wird, dass man im Prinzip
in diesen Vereinbarungen beim Zuwanderungsrecht die
Asyltatbestände erweitert - - Ich bitte das mal zu sehen.
Man erweitert die Asyltatbestände, obwohl wir wissen, dass
wir mit der Integration der Asylbewerber, die ja zu
großen Teilen nach Deutschland kommen, wenn ich sehe, wie
wenig in andere Länder in Europa gehen, und wir schaffen
diese Integrationsleistung ja gegenwärtig nur mit
äußerster Mühe. Wir integrieren
gegenwärtig jedes Jahr eine Stadt in der
Größenordnung wie Dortmund oder
Nürnberg mit etwa 500000. Wenn wir das jetzt noch
erweitern, dann ist das mit Sicherheit nicht der Wille der
Bevölkerung. Deswegen werden wir dem natürlich
niemals zustimmen.
Zagatta: Herr Stoiber, eines doch noch zum Schluss. Wenn
ich Sie jetzt fragen würde, ob Sie als Kanzlerkandidat der
Union antreten wollen oder nicht, dann kann ich mir die Antwort ja
schon vorstellen. Deswegen frage ich Sie das auch nicht. Aber
können Sie uns denn sagen, ob Sie Ihre Entscheidung
für sich selbst schon getroffen haben?
Stoiber: Es ist ja hinreichend bekannt, dass meine
Aufgabe, die ich gegenwärtig und hoffentlich auch morgen
noch vernünftig und gut ausfüllen kann,
für mich eine wunderbare Herausforderung ist. Ich
persönlich möchte gerne
Ministerpräsident bleiben. Auf der anderen Seite ist das
eine Frage, die ich nicht alleine nach persönlichen
Gesichtspunkten entscheiden kann, weil ich ja auch
Parteivorsitzender bin. Insoweit bleibt es beim Zeitplan
beziehungsweise bei den Verabredungen, die wir getroffen haben, die
ich mit Wolfgang Schäuble noch getroffen habe und mit Frau
Merkel wiederholt habe, dass wir diese Frage, die für uns
nicht die wesentlichste ist, sondern für uns sind die
Inhalte nach wie vor das wichtigste, Anfang des nächsten
Jahres, im Februar, März oder wann auch immer - das ist
für mich auch kein Glaubenssatz - in aller Ruhe
entscheiden.
Zagatta: Und wenn Sie gerufen werden, dann machen Sie
es?
Stoiber: Ich will dazu keine weiteren
Äußerungen geben, weil ich nicht einer
Entscheidung vorgreifen will.
Zagatta: Danke schön! - Das war Edmund Stoiber,
der bayerische Ministerpräsident. Schönen Dank
für das Gespräch!
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