Das "Paradies auf Erden" nennen die Chinesen ihre alte Kaiserstadt Hangzhou, zwei Autostunden südwestlich von Shanghai. Für Sun Facai liegt das Paradies anderswo. Ohne Körperschutz, ohne Atemschutz, umhüllt nur von einem dünnen, verschwitzten Baumwollanzug, steht der Akkordarbeiter täglich zehn Stunden am 600 Grad heißen Säurebecken der Changqing Verzinkungsfabrik, einem Zuliefererbetrieb des Siemens-Elektroschalterwerks in Hangzhou.

Mit einem Kran lässt Sun schwere Eisenteile in das überschwappende Becken hinab. An den Gestank des Säuredampfes hat er sich auch nach drei Jahren nicht gewöhnt. Die ständige Verbrennungsgefahr dagegen ficht ihn nicht an. "Meine Arbeit auf der Baustelle war gefährlicher", sagt Sun, der vom Wolkenkratzerbau in Shanghai nach Hangzhou kam.

Der Wanderarbeiter vom Gelben Fluss klagt nicht: Von 500 auf 1000 Yuan, umgerechnet 270 Mark, sei sein Monatsgehalt bei Changqing innerhalb von drei Jahren gestiegen. Auch die Arbeit sei ein wenig leichter geworden. Während draußen die Suche nach Jobs schwerer wurde. Sun bleibt also, wo er ist. Das hat noch einen anderen Grund. "Alle drei Tage erledigen wir Auftragsarbeiten von Siemens", sagt er. "Das verschafft uns Aussicht auf bessere Technik und bessere Löhne."

Genauso sieht es der Chef. Privatunternehmer Chen Jianming trägt über dem roten Lacoste-Hemd eine schwarze Lederjacke. Sein Büro hat er gerade im hellen Skandinavienstil neu eingerichtet. Doch auch bis hier dringt der stechende Fabrikgeruch.

Der 35-jährige Chen wuchs in einem Dorf in der Nähe Hangzhous auf, als Sohn des Leiters einer staatlichen Verzinkungsfabrik. Vor fünf Jahren machte er sich selbstständig. Der Vater beneidet ihn darum - ob zu Recht, entscheide Siemens, sagt der Sohn. "Meine Fabrik hängt an einem seidenen Faden", sagt der Jungunternehmer. "Nur eine der vier Verzinkungsfabriken in Hangzhou wird überleben. Die übrigen will die Stadtregierung wegen der Umweltbelastung schließen. Gewinnen wird, wem Siemens den Vorzug einräumt."

Die Chancen für Changqing stehen gut. Nicht weil das Unternehmen besonders produktiv wäre. In der verlassenen, baufälligen Fabrik herrschen Arbeitsbedingungen wie im Manchester-Kapitalismus. Sondern weil sich der Chef dessen bewusst ist. "Chen ist lernbereit und hat seine Defizite in der Verfahrensqualität sowie beim Arbeits- und Umweltschutz begriffen", lobt ihn Yan Weiming, ehemals Professor für Elektrotechnik an der Hangzhouer Fachhochschule, heute Einkaufsleiter im Hangzhouer Siemens-Werk. Yan will Chen beim Komplettumbau der Fabrik helfen, sofern der deutsche Siemens-Chef Lutz Kraft in Hangzhou seinem Ratschlag folgt und Changqing den Zuschlag gibt.

Nie mehr Schlange stehen