Als im Oktober 1901 die Buddenbrooks erschienen, musste einige Zeit ins Land gehen, bis den Deutschen aufging, was sie an diesem Debüt eines 26-Jährigen hatten. Gerade 18 Besprechungen erhielt das Buch in seinem ersten Jahr. Und beinahe 20 Jahre dauerte es, bis seine Auflage gegen Ende des Ersten Weltkrieges die erste Hunderttausenderschwelle nahm. Doch schon eine der ersten Kritiken - sie stammte vom jungen, gleichfalls 26-jährigen Prager Lyriker Rainer Maria Rilke und begann mit dem recht unrilkeschen Satz "Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen" - beschrieb akkurat eine der erstaunlichsten Kunstwirkungen dieses Romans, den heute nicht wenige für den größten deutscher Sprache halten.

"Obwohl es Tage kostet", schrieb Rilke, lese man dieses Buch "Seite für Seite mit Aufmerksamkeit und Spannung, ohne zu ermüden, ohne etwas zu überschlagen, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld und Eile. Man hat Zeit, man muss Zeit haben für die ruhige und natürliche Folge dieser Begebenheiten; gerade weil nichts in dem Buche für den Leser da zu sein scheint, weil nirgends über die Ereignisse hinweg ein überlegener Schriftsteller sich zu dem unterlegenen Leser neigt, um ihn zu überreden und mitzureißen, gerade deshalb ist man so ganz bei der Sache und fast persönlich beteiligt, ganz als ob man in irgendeinem Geheimfach alte Familienpapiere und Briefe gefunden hätte, in denen man sich langsam nach vorn liest, bis an den Rand der eigenen Erinnerungen."

In der Tat, man mischt bei der Lektüre dieses Romans unwillkürlich die Buddenbrooksche Familiengeschichte mit eigenen Erinnerungen und die alte Verfallsgeschichte mit aktuellen Assoziationen, aber all das, am meisten das Aktuelle, geht unter im unabsehbaren Raum geschichtlicher Zeit, in den einen dieses Buch hineinzieht wie kein zweites von Thomas Mann. Man verliert sich in dieser Zeit, obwohl der Roman nicht mehr als 42 genau abgezirkelte Jahre umfasst und Thomas Buddenbrook, als er gegen Ende stirbt, kaum 49 Jahre alt ist. Man schwebt im Aufwind von Manns erzählerischer Rhythmik mit weitestem Blick und in großer Distanz über dem Kommen und Gehen der Generationen, obwohl das Buch durchwegs aus Nahaufnahmen mit hoch illusionistischem, naturalistischem Glanz gearbeitet ist. Und man bleibt von diesen Lesempfindungen auch umfangen, wenn früher oder später doch unfehlbar eine Gegenempfindung wächst.

Denn irgendwann lassen sich die Natürlichkeit, Gerechtigkeit und Absichtslosigkeit, die Rilke nicht genug loben konnte, nicht mehr recht finden. Ist in dieser Romanmaschine nicht so manches mit penetrant überdeutlicher Absicht gesetzt? Ist dieses wortwörtliche Wiederholen ganzer Abschnitte, diese Suite von Spiegeleffekten, in der vom Anfang über die Mitte bis zum Ende alles, das Meer, das Haus, das Familienbuch, auf Teufel komm raus verwandelt wiederkehren muss, nicht ein um alles Leben symmetrisierter Französischer Garten? Sind nicht ganze Teile, die halbe Grünlich- und die ganze Permaneder-Geschichte effektverliebte, oberflächenpolierte, prosaprunkende Folgen von Kabinettstücken, viel Brokat für wenig Inhalt? Und ist dieser Roman nicht von gut beleuchteten Hinweisschildern zu seiner Deutung so sehr überstellt, dass ihm zuletzt alle Offenheit abgeht? Indezent werden wir vom ersten Kapitel an auf den Riss zwischen Träumen und Handeln in Thomas' Charakter gewiesen. Und fast formelhaft bringt Mann uns bei, wie Thomas sich entbürgerlicht und wie in Christian und in Hanno das Antipodische zum Bürgerlichen sich meldet, das Künstlerische.

Noch das Doppeldeutige wird in diesem Roman so auffällig und eindeutig in Szene gesetzt, dass der Verstockteste es nicht überlesen kann. Wer das schlimme Wesen des Kaufmännischen à la Buddenbrooks nicht kapiert, wenn der Konsul Johann Buddenbrook, von Gefühlen redend, aber ans Geld denkend, seine Tony kostensparend von Grünlich zurück in die Familie manipuliert; wer es nicht begreift, als Thomas im Streit mit Christian das Kaufmännische im Grunde so gaunerisch findet wie sein Bruder, dem wird's zur Sicherheit noch wortwörtlich beigebogen, wenn Thomas matt gesteht, dass ihm die Tüchtigkeit abhanden gekommen sei, "eine Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne Schamempfindung auszunützen".

All das ist wahr. Es ist auch wahr, dass die Buddenbrooks in weiten Teilen die umfassende Strafexpedition eines Autors gegen seine Figuren sind. Mit der halben Ausnahme von Thomas und der ganzen von Hanno tritt kaum eine Figur auf, ohne im gleichen Augenblick spöttisch, aber bestimmt in die Schranken gewiesen zu werden. Tony, die lebendigste und liebreizendste Figur des Romans, darf ihre Stimme kaum erheben, da muss sie schon wieder das Dummchen mit dem Vornehmheitsfimmel geben. Aber sie kann von sich schreiben, dass sie am Ende des Buches noch am Leben ist: Clara, Erika und Elisabeth sind es schon zu Lebzeiten nicht wirklich. Und wegen der üppig ausgemalten Grünlich- und Permaneder-Episoden übersieht man gern, wie zügig der Autor Johann, Jean und noch einige andere Tote mit oder ohne Gewitterbegleitung aus dem Buch schafft.

Noch wahrer als all das ist indes, dass diese Eigenheiten, die jedes andere Buch auf ewig ruinieren würden, den Buddenbrooks wenig anhaben können. Unser Kopf kann lange seine Mängelrügen vorbringen, er kann Manns mehrfach geäußerter Aussage - aber welche Aussage hätte Mann nicht mehrfach geäußert? - misstrauen, dieses Buch sei "geworden, nicht gemacht, gewachsen, nicht geformt" - all dies hindert unsere Leserseele durchaus nicht, in aller Naivität weiter in dem Buch zu leben. Sie hält es mit Manns Behauptung, die Buddenbrooks hätten "die organische Fülle, die das typisch französische Buch nicht hat"; sie glaubt mit Mann, dieses Buch sei "kein ebenmäßiges Kunstwerk, sondern Leben"; und obgleich sie im vierten Kapitel des achten Teils längst weiß, dass Thomas die Ernte vom Halm kaufen wird, und auch weiß, aus welchen Gründen, liest die Seele, die an ganz anderem teilnimmt und am liebsten in den undeutbaren Einzelheiten aufgeht, doch weiter und folgt Tom auf seinen Gängen durchs dunkle Haus, wie sie später, in einem andern Haus, Hanno auf seinen Gängen folgen wird.