Das Leben und die Literatur: Bekanntlich soll man das auseinander halten. Aber wie, wenn sich die beiden wie junge Hunde ineinander verkrallen, mal spielerisch, mal wütend? Zuweilen will die Literatur wie das Leben werden, wild und vital. Manchmal will das Leben Literatur werden, schön und sentimental.

Verona Feldbuschs Tränen zum Beispiel, die auf ihren Busen tropften: Hier wurde pralles Leben zur Literatur. Da bedarf es keines Dichters mehr. Andererseits Heinrich Böll in seinen Briefen aus dem Krieg: Was der junge Soldat an Ressentiments und Vorurteilen darin versammelt, hat viele, die den guten Menschen aus Köln verehren, irritiert. Aus diesen Briefen spricht das Leben in all seiner Erbärmlichkeit. Sie waren, so Dieter Wellershoff in der ZEIT Nr. 41/01, Bölls Ariadnefaden durch das Labyrinth des Krieges.

Man kann, um das Dilemma zu lösen, die kruden Lebensäußerungen ganz einfach in den Rang der Literatur befördern. Das hat der Schriftsteller Hans Wollschläger getan, als er in seiner FAZ-Rezension die Böll-Briefe zum eigentlichen, die Romane und Erzählungen überragenden Werk des Dichters ernannte. Dieser verblüffende Gedanke führt in die Irre. Wir wüssten dann nämlich die sprachliche Eigenart, den ästhetischen Mehrwert nicht mehr zu bestimmen, Literatur und Leben fielen in eins. Ganz abgesehen davon, dass dies eine gezielte Herabsetzung von Bölls Erzählkunst bedeutet. Das hat sie nicht verdient.

Wahr ist aber, dass große Literatur selten ohne die Drangsal des Erlittenen auskommt, und manchmal scheint es derart sichtbar, dass die literarische Gestalt dahinter zurücktritt. Vor Jahren erschienen die heute vermutlich vergessenen Bücher Die Annäherung an das Glück von Günter Steffens (1976) und Mars von Fritz Zorn (1977): beides in ihrer unverhüllten autobiografischen Direktheit fürchterliche Geschichten von Krankheit, Depression und Tod. Die Frage, was daran Literatur sei, schien gewissermaßen pietätlos, weil der erzählte Stoff so ungeheuerlich war. Dasselbe gilt für Franz Innerhofers ersten Roman (Schöne Tage, 1974), die bedrückende Geschichte einer Leibeigenschaft in den österreichischen Bergen. Und es gilt auch für Ulla Hahns neuen Roman Das verborgene Wort. Sie erzählt darin von einer Kindheit unter ärmlichsten Verhältnissen und der Befreiung daraus durch die Kraft des Wortes, der Literatur.

Man kann solchen Büchern auf doppelte Weise Unrecht tun: wenn man sie allein wegen ihres Inhalts wahrnimmt - und wenn man ihres Inhalts wegen die besondere Form übersieht. Diesen zweiten Fehler hat das Literarische Quartett begangen, als es Ulla Hahns Buch umstandslos verriss. Bölls Briefe sind reines Leben, weil er noch gar keine Literatur schreiben wollte und konnte. Sie dokumentieren einen Lebensabschnitt und eine Epoche. Ulla Hahns großer Roman hingegen ist die gestaltete Form einer Leidensgeschichte.

Die Literatur kommt ohne das Leben nicht aus - wahrscheinlich auch das Leben nicht ohne die Literatur. Nicht immer ist beides leicht zu trennen, aber eins ist sicher: Die Tränen von Frau Feldbusch sind reine Literatur.