Drei Zigeuner liegen unter einer Weide, der erste spielt die Geige, der zweite raucht die Pfeife, der dritte schläft. Den Regeln des bürgerlichen, auch des sozialistischen Tugendkanons trotzend, verweigern sie sich den Forderungen der Gesellschaft, dem Arbeitsethos, verachten das Leben. "Dreifach haben sie mir gezeigt, wie man's verraucht, verschlägt, vergeigt", heißt es in dem Gedicht von Nikolaus Lenau - und schlagartig wird mir wieder einmal bewusst, wie haargenau das poetische Wort eine Erkenntnis auf den Punkt bringt.

Günter Kunert zitiert Die drei Zigeuner in einem der ersten vier Bände einer Reihe, die Axel Marquardt für den Europa Verlag betreut. Das Gedicht ist eines der zahlreichen Beispiele für "ein punktuelles Zünden der Welt im Subjekte", wie Friedrich Theodor Vischer in seiner Wissenschaft des Schönen die elementare, suggestive Wirkung des dichterischen Worts beschreibt. "In diesem Moment erfaßt die Erfahrung dieses Subjekt auf diese Weise": nicht argumentativ, nicht analytisch. Nikolaus Lenau ist, "ich weiß es ja und werfe es ihm nicht vor, keiner, der historisch-begrifflich denkt", schreibt Kunert in seinem Vorwort Mein armer Bruder im Wort, "er ist ein Dichter". Günter Kunert entdeckt Nikolaus Lenau, Robert Gernhardt entdeckt Heinrich Heine, Oskar Pastior entdeckt Gellu Naum und Sarah Kirsch entdeckt Christoph Wilhelm Aigner: Die ersten vier Lyrikbände dieser Reihe sind Programm. Dichter entdecken Dichter, für sich selbst und für den Leser, wie Sarah Kirsch ausdrücklich bekennt: Es ist die Affinität zwischen Dichtern, die Trieb- und die Wirkkraft der Wesensverwandtschaft, woraus eine ununterdrückbare Faszination erwächst. Der Leser entdeckt nicht nur einen ihm von einem Dichter nahe gebrachten Dichter, er entdeckt auch - in seinem leidenschaftlichen Bemühen, Entdecker zu sein - seinen Wunsch, selbst entdeckt zu werden.

So zeigt Gernhardts Auswahl den freiwilligen Außenseiter und den per Staatsdekret ausgeschlossenen Heine, aber auch den heutigen Gernhardt, der - nach eigenem Zeugnis - den gefährlichen Balanceakt zwischen Ästhetik und Engagement wagt in Gedichtsituationen, wo aus der Ironie der Hohn, aus dem Getändel die Ernsthaftigkeit blitzt. In Gernhardt gibt sich ein weiterer "Bruder im Wort" zu erkennen, von dem die Rede geht, er halte Sonette für beschissen, der selbst aber Sonette schreibt und sich auf bewundernswerte Weise Heines dritten Fresko-Sonetts bedient, das dem aufgeblähten Gebaren aller Bösewichter und Geistesrichter, aller Affen und Laffen das "schöne gelle Lachen" des Sarkasmus entgegensetzt. Gernhardt sagt "ich" wie Heine und wendet sich frontal gegen das Philiströse, mit Heine nimmt er die Beschimpfung als Gotteslästerer und Nestbeschmutzer selbstbewusst in Kauf. Herzerfrischend beim Wiederlesen von Heines wehmütigen Nachtgedanken an Deutschland die Erkenntnislust:

"Gottlob, durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht."
Zerreißt womöglich das Herz

Wenn Dichter Neues im Alten entdecken, kommen zu den Affronts wider das Sittengesetz und zu den Verunglimpfungen der Political Correctness die Missachtung herkömmlicher Bräuche hinzu. Das Althergebrachte in seinen starren Konventionen wird infrage gestellt, auch die Regeln der Sprache, die Formen ihres Gebrauchs. Oskar Pastiors Entdeckung des Rumänen Gellu Naum und Sarah Kirschs Entdeckung des Österreichers Christoph Wilhelm Aigner sind Beispiel für Funde poetischer Schöpfungen, die in ihren Formen und Ideen das Bekannte des begrenzten Wirklichen um das noch Fremde des unbegrenzten Möglichen erweitern und bereichern. Exotische Lebens- und Denkentwürfe werden sichtbar und hörbar in neuen, bislang ungeschauten Bildern und unerhörten Tönen.

Oskar Pastior, selbst ein im besten Wortsinn einzigartiger Dichter, der die Texte Naums ins Deutsche übersetzt hat, bemerkt im Aufscheinen dieses Neuen, "daß etwas Anderes kommt, vergleichbar zeichen- und traumlosen Strecken im Schlaf, die trotzdem gefüllt sind, aber nicht mit Atemholen oder Zeit." Gellu Naums Poesie bewegt sich in einer Sprache ohne Punkt und Komma, deren Durchlässigkeit uns - die wir auf Zeichen dressiert sind - zugute kommt, mehr zu erfahren von der Offenheit aller Erscheinungen als innerhalb eines interpunktierten Satzgefüges: Erst das Heraustreten aus dem vertrauten Zeichensystem öffne den Weg in die unbegrenzte Welt des Möglichen. Ein Gedicht spricht vom Menschen - "unglücklich sieht er aus in seinen Kleindern" -, von dem man den Eindruck gewinnt, aus ihm könnte noch etwas werden, sobald er anfängt, "sich auf obskure Weise aus- und abzuwickeln". Pastiors Gewinn beim Übersetzen ist das Wiedererkennen des Entdeckten und "vermutlich auch ein wenig Selbstbeschreibung".

Sarah Kirsch, geradezu behext von Chr. W. Aigner, steigert sich in lyrische Prosa, um ihre Entdeckung angemessen zu beschreiben. Wie man es ja schon von verschiedenen anderen Anlässen weiß: Sie ist Aigner geradezu verfallen. Es ist allerdings das Verfallensein mit Augenzwinkern, das Verstricktsein mit ironisch übertriebener Gestik. Doch weil wir wissen, dass Poesie selbst die Übertreibung jeder möglichen Aussageweise ist, kommt Sarah Kirsch in ihren poetischen Bildern den Gedichten Aigners am nächsten. Eine wahrhaftige Wahlverwandtschaft wird wirksam, die Entdeckerin wetteifert mit dem Entdeckten, wie ja auch der Entdeckte immer schon mit der Entdeckerin gewetteifert hat. Sarah Kirsch spricht von Glückskarfunkeln, Farbexplosionen, Schutzsternen - was nicht übertriebener ist als das Bild von den gezündeten Blitzen der Erkenntnis. Aigners lapidare Metaphern sind für sie "Bilder, die einem die Füße wegschlagen"; von dem Gedicht Die Unsterbliche schreibt sie: "Unmittelbar wie ein neuentdecktes, namenloses Wesen dringt ein solcher Text über das Ohr in den Körper, zerreißt womöglich das Herz".