Die Gesundheitsexperten der Koalition werben mit eindrucksvollen Zahlen. Um 20 bis 30 Prozent ließe sich die Zahl der Opfer, die der tödlichen Krankheit zum Opfer fallen, senken. Jedes Jahr könnte ein neues Vorsorgeprogramm der Bundesregierung 3500 Frauen das Leben retten. Die Zustimmung war groß, als am vergangenen Donnerstag im Parlament ein medizinisches Großprojekt vorgestellt wurde, das Ärzte und Betroffenenorganisationen seit Jahren fordern: eine Röntgen-Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs. Sämtliche Frauen über 50 Jahre sollen in Zukunft auf Kassenkosten im bundesweiten Mammografie-Screening getestet werden. Endlich eine positive Nachricht aus dem durch explodierende Arzneimittelpreise und steigende Kassenbeiträge bedrängten Haus von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Doch die Euphorie währte nur zwei Tage. Bereits am Samstag bekam die Freude über diesen so gelobten "Gewinn für die Gesundheit der Frau" einen kräftigen Dämpfer. In der neusten Ausgabe der britischen Medizinzeitschrift Lancet formulieren die Epidemiologen Ole Olsen und Peter Gøtzsche in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Beweise, dass ein Mammografie-Screening den Frauen nützt. Im Gegensatz zu vielen deutschen Experten sagen sie: "Es gibt keine Rechtfertigung für das Screening, weil eine verlässliche Evidenz dafür fehlt, dass sich dadurch die Sterblichkeit reduzieren lässt." Vielmehr warnen sie, dass Reihenuntersuchungen Schaden anrichten können.

Jedes Jahr sterben 17 000 Frauen

Bereits im vergangenen Jahr hatten die beiden Gesundheitsforscher mit ihrer Analyse der weltweit wichtigsten Studien zu diesem Thema die Befürworter der Früherkennungsprogramme in Rage versetzt. In ihrem jüngsten Artikel verschärfen sie die Aussagen von damals. Akribisch beurteilten sie sieben kontrollierte Studien. Nur zweien bescheinigen sie eine ausreichende Qualität - und genau diese finden keine positive Auswirkung eines Früherkennungsprogramms auf die Sterblichkeit.

Die dänischen Wissenschaftler befeuern einen Streit, der seit mehr als zehn Jahren Medizinstatistiker und klinische Praktiker, Ärztelobbyisten, Politiker und Gesundheitsexperten entzweit - und der die betroffenen Frauen meist ratlos zurücklässt. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, jedes Jahr erkranken in Deutschland daran 47 000 Frauen, 17 000 sterben. Dem gesunden Menschenverstand erscheint das Mammografie-Screening durchaus vernünftig: Wer viel testet, entdeckt viel, und wenn der Krebs früh entdeckt wird, hat eben die Patientin bessere Chancen auf Heilung. "Jeder Millimeter, den ein bösartiger Brustknoten an Durchmesser zulegt", erhöhe messbar die Gefahr, dass die Krankheit tödlich endet, sagt Dieter Hölzel, Leiter des Tumorregisters München.

Doch muss man deshalb gleich jede über 50-jährige Frau testen? Die wissenschaftlichen Argumente für ein breites Durchleuchtungsprogramm stehen auf wackeligen Füßen. Das jetzige Urteil der Dänen hat zudem einen besonderen Stellenwert. Sie sind Mitarbeiter des angesehenen nordischen Cochrane Zentrums in Kopenhagen, einer Institution, die medizinische Studien nach strengen wissenschaftlichen Kriterien beurteilt. Olsen und Gøtzsche entdeckten bei den Veröffentlichungen, die von einer Senkung der Sterblichkeit durch die Vorsorgeuntersuchung ausgehen - und mit denen auch Gesundheitsministerin Schmidt Werbung für ihr Vorhaben macht -, schwere handwerkliche Fehler. Ihr Hauptkritikpunkt: Viele Studien hätten nicht die so genannte Gesamtmortalität im Blick, sondern konzentrierten sich allein auf die Frage, ob durch frühe Erkennung und Behandlung des Tumors weniger Frauen an Brustkrebs sterben. Dabei müssten gewissenhafte Studien, so die Forscher, auch danach fragen, ob die Frauen durch andere Krankheiten zu Tode kommen - die auch auf die zum Teil aggressive Brustkrebsbehandlung zurückzuführen seien. Kritiker der Reihenuntersuchung fürchten, dass gerade ein Brustkrebs-Screening Ärzte zu Überreaktionen und unnötigen Operationen verleiten könnte. Manche Ärzte räumen den geringsten Tumorverdacht mit dem Skalpell aus. Schätzungen zufolge werden in Deutschland rund 100 000 Frauen pro Jahr unnötigerweise wegen falschen Verdachts operiert (siehe Interview auf der nächsten Seite).

Unseriöse Zahlenspiele