Ein Milzbrandtoter, und eine ganze Nation gerät an den Rand einer Massenpanik, die auch den Rest der Welt zu erfassen droht. Der Einzelfall löst eine Kettenreaktion weiterer Ängste aus. Was ist mit den Pocken und der Pest? "Bioterrorismus", heißt der Alb, der uns derzeit niederdrückt. Wie können wir uns schützen?

Die Menschen, die heute Antibiotika hamstern, Anthrax- und Pockenschutzimpfungen erwägen oder sich Gasmasken kaufen, sind noch vor ein paar Wochen in kein Flugzeug mehr gestiegen und haben Hochhäuser gemieden. Zuvor sind sie vielleicht zur rindfleischlosen Ernährung übergegangen, haben darauf bestanden, dass Nachbars Dobermann eingeschläfert und der Kindergarten holzschutzmittelfrei saniert wurde, oder haben ihren Wohnsitz an einen Ort 200 Kilometer weg vom nächsten Kernkraftwerk verlegt.

Gleichzeitig aber fahren sie täglich mit dem Auto, rauchen, stehen beim Fensterputzen auf dem Küchenstuhl, spendieren der Tochter Reitstunden und genießen einmal im Jahr den Skiurlaub mit der ganzen Familie.

Der Umgang des Menschen mit seinen Ängsten und Lebensrisiken erscheint hochgradig irrational. Inzwischen lautet ein Gemeinplatz in der Risiko- und Verhaltensforschung: Je weniger real und konkret die Situation für den Betroffenen ist, umso größer ist die Angst, die sie auslöst. Der Nürnberger Psychologe Reinhold Bergler hat diese Unwucht im Furchtempfinden einmal als "die Angst des Rauchers vor dem Schlangenbiss" bezeichnet und damit das Paradoxon der menschlichen Natur auf den Punkt gebracht.

Bei der Einschätzung eines Risikos spielen weder statistische Wahrscheinlichkeit noch tatsächliche Gefährlichkeit eine Rolle. Vielmehr greifen ganz andere Kategorien: Risiken, denen man täglich begegnet und von denen man meint, sie kontrollieren zu können, werden grundsätzlich unterschätzt; Gefahren, deren Ursachen wir nicht kennen oder auf die wir keinen Einfluss haben, werden überbewertet (siehe Kasten). Besonders fatal ist - das ergab unter anderen eine schwedische Studie - die Verharmlosung der tatsächlichen Gefahr beim Autofahren. Autofahrer sind Opfer der Vorstellung, eine Situation beherrschen zu können. Der Soziologe Ortwin Renn von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg beschreibt diese Kontrollillusion so: "Wir sind überzeugt: Ich fahre vorsichtig. Außerdem haben die meisten schon mal gefährliche Augenblicke erlebt und die Erfahrung gemacht: Es ist noch immer gut gegangen."

Umgekehrt spiele bei der Überbewertung einer Katastrophe ihr tatsächliches Ausmaß, etwa die Anzahl der Toten, sagt Renn, keineswegs immer eine Rolle. "Weltweit gibt es zum Beispiel 88 BSE-Tote. Das sind zufällig genauso viele wie jährlich durch das Trinken von Lampenöl umkommen." Dabei könnte man den Tod durch Lampenöl tatsächlich oft verhindern; ihm fallen nämlich fast ausschließlich ungenügend beaufsichtigte Kleinkinder zum Opfer.

Am größten ist die Kluft in der Bewertung von allgemeiner Gefahr und persönlicher Bedrohung dann, wenn es um Krankheiten geht. Zwar halten die Deutschen Krebs (90 Prozent), Infektionskrankheiten (84 Prozent) und Kreislauferkrankungen (76 Prozent) generell für die höchsten Gesundheitsrisiken; doch ihre Erwartung, auch persönlich davon betroffen zu werden, liegt nur zwischen 30 und 40 Prozent. Das ergab eine Studie des Münchner Toxikologen Wolfgang Forth. Persönlich viel stärker bedroht fühlen sich Deutsche dagegen von Phänomenen, deren tatsächliche Bedrohlichkeit höchst strittig ist: der Luftverschmutzung (44 Prozent), der Klimaveränderung durch Kohlendioxid (43 Prozent) und Umweltgiften wie Dioxin (41 Prozent). In einer Analyse von insgesamt 13 Risikofaktoren, zu denen etwa Wohnlage, Krankheiten, Katastrophen, diffuse Ängste oder Unfälle gehören, arbeitete Forth unterschiedliche Stile von Risikowahrnehmung heraus. Die Untersuchung nach Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen ergab dabei nur in einer verblüffenden Komponente bedeutende Unterschiede, nämlich beim Alter. Während vor allem jüngere Menschen zwischen 18 und 38 dazu neigen, anonyme Katastrophen über- und persönliche Risiken unterzubewerten, sind es die über 50-Jährigen, die mit Gesundheits- und Alltagsrisiken am vernünftigsten umgehen.