Kein Wunder also, dass Mode als eigenständige Kunstform, als ästhetischer Komplex, der über die aktuelle Herbstkollektion und wie man sie verkauft hinausgeht, auch in den hiesigen Medien nicht richtig ernst genommen wird. Während seriöse englische Tageszeitungen neben täglichen Berichten jede Woche umfangreiche Modebeilagen produzieren, in denen Philosophen schon mal über die Bedeutung der neuesten Kollektion nachdenken dürfen, fristet Mode in den entsprechenden Medien bei uns ein bedauernswertes Schattendasein. Sicher, im Wirtschaftsteil kann man ihr manchmal begegnen, ihr natürliches Habitat sind jedoch die Vermischtes-Seiten beziehungsweise im Fernsehen der letzte, gern etwas ausgefallene Beitrag, mit dem die Nachrichten schließen. Dort teilt sich die Mode ihr Exil mit Naturkatastrophen, freakigen Geschichen aus fernen Ländern und den neuesten Abenteuern des europäischen Adels. Ab und zu taucht das Thema noch im Zusammenhang mit Horrorgeschichten auf: Teenager, die in Süd-Los-Angeles wegen ihrer Turnschuhe ermordet werden, oder verzweifelte Eltern, die ihr Sparbuch plündern, um den Heißhunger ihrer Sprösslinge auf überteuerte Markenware zu stillen. Besonders schlimm: Das Modevakuum lockt genau jenen Typ Leute an, der das Dilemma nur noch vergrößert - wer will bitte Modefan sein, wenn Modemacher wie Mooshammer aussehen, Unfug wie Joop erzählen und entsprechende Mode machen?

Selbst in Publikationen für das eigentlich modeinteressierte Publikum wie Vogue und Elle zeigen keine wirkliche Mode. Während vergleichbare Magazine im Ausland aufwändig Ästhetiken inszenieren, mit Modestücken eher Geschichten erzählen als einen Trend verkaufen wollen und jede Fotostrecke als kleines, in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk verstanden wird, druckt man hierzulande doch lieber ein paar Seiten mit kamelfarbenen Produkten für die aktuelle Saison. »Der Service-Druck - die Kleider müssen möglichst einfach, also billig, zu bekommen sein, sonst regen sich die Leser auf - ist in den Redaktionen zu groß und das Selbstbewusstsein, eigene Ideen umzusetzen, zu klein«, berichtet eine Hamburger Moderedakteurin, leicht frustriert.

Jüngere, avantgardistischere Modemagazine wie The Face (London), Self Service oder Numéro (beide Paris), die bewusst stilbildend wirken wollen, aber auch davon leben, dass sie ein sehr genaues Auge für »die Straße« und die gerade im Anflug befindlichen Modestimmungen haben, werden in Deutschland bestenfalls halbherzig kopiert. Die bisherigen Versuche, junge Lifestyle-Publikationen mit ähnlich innovativem und kreativem Zugang zur Mode in Deutschland zu etablieren, endeten bisher immer mit Konkursverfahren.

So kommt es, dass wirklich neue Ideen erst nach grober Verspätung ihr mediales Echo finden und jüngere Designer zwangsläufig abwandern, denn diese sind mangels Werbeetat voll und ganz auf Editorials angewiesen, die ihre Mode zeigen. Kein Zufall, dass die wichtigsten und besten deutschen Modemacher im Ausland arbeiten beziehungsweise für ausländische Marken tätig sind.

Lutz Hueller ist ein gutes Beispiel. Der 35-Jährige war nach seinem Studium am angesehenen Londoner St. Martin's College of Art Assistent von Martin Margiela in Paris, bevor er dort vor drei Jahren seine eigene, innovative Sportswear-trifft-Eleganz-Linie Lutz startete. »Mode ist einfach nicht Teil der deutschen Kultur«, hat Hueller erfahren, »Mode wird nicht ernst genommen. Wenn, dann nur als Ware, zum Geldverdienen. Es gibt keine Leidenschaft, und das Verständnis fehlt.«

Markus Lupfer, 32, geboren in Kisslegg im Allgäu, kam vor acht Jahren nach seinem Studium in Trier an eine Londoner Modeuniversität und ist mittlerweile mit seinen femininen und sehr erfolgreichen »Romantic High-Tech«-Entwürfen in ausgefallen bedruckter Seide längst zum Fixpunkt der britischen Modeindustrie geworden. Nachdem Hussein Chalayan und Alexander McQueen, die tonangebenden Londoner Designer, beschlossen hatten, ihre Mode nicht mehr in London, sondern auf den Schauen in Paris zu zeigen, wurde Lupfer im September sogar als Retter der Londoner Fashionweek umjubelt. Seinen Erfolg führt Lupfer zum guten Teil auf seine Arbeitsbedingungen zurück. »Der Gegensatz zu meiner Ausbildung in Deutschland war unglaublich«, erzählt er. »Dort wurde immer geschaut: Was ist der Trend, was kommt, wo kann ich mit aufspringen? Hier in London gibt es so ein institutionalisiertes Mitläufertum nicht. Im Gegenteil - du wirst ständig gedrängt, dein ganz eigenes Ding zu machen. Die wissen hier, dass Mode davon lebt, dass Leute ihre Persönlichkeit ausdrücken. Es darf nicht nur um Produkte und Vertriebswege gehen.«

Andere Defizite fallen weitaus schwerer ins Gewicht. Deutschland sei ein denkbar ungünstiger Ort für Modemacher, sagt Kostas Murkudis, 41, seit Anfang des Jahres Head-Designer des italienischen Labels NewYorkIndustrie von Diesel-Chef Renzo Russo. »Es fehlt an Investoren und an staatlicher Förderung. Die Leute sind zu vorsichtig und ohne Visionen.« In der Tat gibt es in Deutschland keine Firmenchefs wie Tom Ford (Gucci) oder Patrizio Bertelli (Prada), die für ihre Modeimperien ständig auf der Suchen nach neuen, innovativen Designern sind und eine Stella McCartney oder einen Helmut Lang einkaufen, weil sie sich frische Impulse, Ideen und Imagegewinn fürs eigene Haus versprechen.