Die Repression sieht nicht aus wie Repression, sondern wie ein mit modernen Mitteln aufgerüstetes Ambiente. Schauen wir zum Beispiel Ende August 2001 in eine Filiale von Urban Outfitters auf der Avenue of the Americas in New York: ein xbeliebiges Geschäft, ausgestattet mit Aircondition-Kühle und Waren, die den Konsumenten schon auf die echte Kühle des Herbstes vorbereiten. Mit ihren programmierten Schnitten, Farben und Anspielungen erzeugen sie Klaustrophobie und Langeweile. In dieser globalisierten Welt gibt es auch in dem, was man am Leib trägt, kein »anderes«, sondern nur die ununterbrochene Notwendigkeit des Verkaufens.

Die Modeketten setzen - ähnlich wie die Buchladenketten oder Bodyproduktläden - auf Erlebnischarakter. Es geht ja nicht darum, diese Produkte zu besitzen, jedenfalls nicht länger als nötig - dafür sorgt schon der Verschleißfaktor, dass es eine beschränkte Zeitspanne bleibt -, sondern darum, dass man sich einspeist in den globalen Kreislauf. In einem massendemokratischen Modeambiente gibt es kein Angebot, das nicht annehmbar wäre; alle Sorten von Images sind zu jeder Saison erhältlich. Die Abstände der Präsentation neuer Ware und ihres eigenen Ausverkaufs werden immer kürzer, der Hang zum »Verdiscountisieren« nimmt zu. Und auch das eigene Erleben wird zu einer Art Abfall in dem Moment, wo man es wahrgenommen hat. Das verursacht einen Zustand der Überforderung.

Was tun, wenn man nicht will, dass einem das Leben wie ein rerun vorkommt? Nackt herumlaufen? Selbst nähen als Protest? In Dandystarre verfallen? Ersatzavantgarden gründen, immer am Rande des Scheiterns? So wie Susan Cianciolo, die ihre Modeproduktionsfirma auflöste, anstatt sich dem globalen Geschäft zu unterwerfen. Auch die modekritische Zeitschrift made in usa wäre zu nennen oder das Designerteam Imitation of Christ, das ebenfalls die industriell vorgeschrieben Prozesse und Verhaltensweisen zu vermeiden versucht.

Dann passierte 9/11.

Wird der 11. September die Fashion-Welt nachhaltig verändern? Ist jetzt eine Generation von Menschen tatsächlich in der Gegenwart angedockt? In jedem Fall ist New York eine Stadt, die gerade einen rerun macht - mit »I love New York more than ever«- Parolen und Flaggen an den Geschäften, ganz gleich ob Prada oder H & M. »Geht einkaufen, Leute!«, verordnete Bürgermeister Giuliani den in Schmerz und Schreck erstarrten New Yorkern als Therapie. Das klang so lächerlich und war so richtig.

Und doch stellt sich die Frage: Warum so weitermachen wie bisher? Beim Fall des WTC wurde auch century 21 in der Cortland Street zerstört. Das war einer der zentralen Jagdgründe für den modebewussten New Yorker genauso wie für Touristen aus aller Welt, die dort Designermode zu Discountpreisen einzukauften. Die New Yorker Fashion-Week, unterbrochen im September, wurde einen Monat später wieder aufgenommen und lief unbeirrt, unverändert nach Plan.

Gleichzeitig aber kam die amerikanische Flagge in Mode. Die Flut der individuellen Ausführungen, Variationen, Qualitäten, Intentionen - ob in Brillanten gestaltet oder als Kinderzeichnung auf Pappe gemalt- war überwältigend. Einen Moment lang war die Flagge Bezugspunkt der Masse. Einen Moment lang gab es Fernsehen ohne Werbung. Dann aber setzte gleich wieder die Organisation und Vermarktung visueller Wirkung ein, die Werbepause war schnell vorüber, und die Flaggen flattern nicht mehr hübsch im Wind, sondern kleben kümmerlich an Fenstern und Oberflächen, auf denen sich Schmutz und Gifte niederlassen. Zeichen echter Existenz mischten sich mit gegenwärtigen Problemen.