Humana am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain ist mit seinen fünf Etagen das größte Humana überhaupt. Drum herum zeigt sich verblichener Realsozialismus der ersten Stunde, als die DDR noch eine Utopie war. Inzwischen sind die tipptopp renovierten, gekachelten Arbeiterpaläste bei der Mittelschicht hoch begehrt, wahrscheinlich ist es die kommende Art-Director-Ecke. Eine Gegend für diejenigen, die ja immer das wahre Leben wollen, samt einem gewissen proletarischen Anteil: Imbiss Schlachterei Neuling, drei Schnitzel nur fünf Mark. Reale Unterschicht - das finden die hedonistische Mittelschicht und die Studenten ganz toll. Wahrscheinlich, weil sich ein bisschen Proll-Charme als Kulisse für ihr in der Selbsteinschätzung eher ödes Leben ganz gut macht.

Als Einkaufstüten stehen blaue Ikea-Taschen bereit

Die Inneneinrichtung bei Humana ist im ersten Augenblick schockierend. Jedenfalls für jemanden um die 30, der in Westdeutschland mit allen Tricks der Verkaufspsychologie sozialisiert wurde - und dadurch gleichzeitig trainiert ist, diese zu entlarven. Aber hier läuft das alles ins Leere: Als Einkaufstüten gibt es blaue Ikea-Tragetaschen, an den Wänden hängen Pappbilder, grob mit Tusche bemalt. Zu sehen ist eine Paprika, drunter steht: »Paprika«. Zu sehen ist eine Gurke, drunter steht: »Gurke«. Oder handgemalte Schilder: »Trend by Humana« oder »Tricot's«. Das ist die Dekoration. Ansonsten steht auf Schildern: »Bärenstark!« oder »Billig, billig!«. Das ist schwer zu verkraften für Werbegeschädigte, die Slogans wie »René Lezard - leider teuer« zwar für Werbeterror, aber doch für raffiniert hielten. In dieser Verkaufspsychologiewüste greift sofort der Entschlüsselungsimpuls: Dies ist am Ende noch raffinierter, denkt man. Dies ist die Werbung nach dem Ende der Werbung, vielleicht die cleverste Form der Corporate Identity. Womöglich steckt Scientology dahinter, vermutet Boris, den wir vor dem Laden befragen. Die Sekte als Metapher für das allgemeine Unbehagen angesichts der fehlenden Raffinesse der Warenpräsentation. Die hat so gar nichts gemeinsam mit Warenwelten wie Nike-Town, wo Konsumprodukte wie Kunstobjekte inszeniert werden: Massenprodukte als Artefakte.

Genau das ist eines der Geheimnisse von Humana und wohl der Grund, warum sich jetzt, so hört man, auch Topdesigner in Secondhandkaufhäusern und -märkten inspirieren lassen: Bei Humana finden sie die wahren Artefakte. Jedes Teil einmalig. Wer das grüne Top (12 Mark), wer die Seppeljacke für 65 Mark, wer das honeckerartige Pepitahütchen für 18 Mark in Berlin nicht kauft, wird nirgendwo das Gleiche bekommen. Wer es hingegen verpasst, bei Versace oder Miu Miu oder Gucci ein T-Shirt zu kaufen, wird das Versäumte auf der ganzen Welt nachholen können - in Regensburg, Moskau oder Kuala Lumpur. Weil der Kapitalismus diese seine Schwäche kennt, schafft er künstlich Knappheit, Pseudoartefakte, limited editions. Auch die künstliche Alterung von Produkten ist die Vortäuschung dessen, was es in der Massen- und Markenwarenwelt nicht geben kann: das Produkt als Einzelstück.

Wenn Secondhand die beste aller Marken ist, dann ist Humana die beste aller Ketten. »Lieber alt und echt und gute Qualität, als neu und kopiert und H&M und damit nach zweimal Waschen hinüber«, sagt Martina. Es ist dieser kostenlose Gebrauchsantikapitalismus, der alle Humana-Bohemiens verbindet: Wer darauf pfeift, neue Sachen zu kaufen, wer gerade das Gebrauchtsein der Ware zum Kaufargument erhebt, der schlägt der Marken- und Massenwarenlogik ein Schnippchen. Neu bleibt nicht neu, sondern wird irgendwann alt, und dann muss etwas Neues her - so funktioniert die kapitalistische Warenwelt. Nicht mit uns, so spricht der Humana-Bohemien.

»Es gibt sogar Kunden, die kaufen ein gebrauchtes C&A-Hemd für 15 Mark bei Humana«, sagt eine Verkäuferin. Obwohl es das neu bei C&A für 12 Mark gibt. Dieses Hemd läuft bei Humana dann in der Unterkategorie Exklusiv. Eine weitere Kategorie ist Trend. Exklusiv, sagt die Humana-Verkäuferin, sei das Zeug, das am besten in Ordnung sei, und dieses hätte man mittels verfeinerter Sortiermethoden herausgeklaubt. Und Trend? »Dit, was halt in ist, also das ganze DDR-Zeug.«

Frau Graf von der Humana-Sortierung sagt: »Sechziger und siebziger Jahre ist von vornherein Trend. Das sortieren wir aus, da können wir uns ja auch noch dran erinnern.« Und was tragen die jungen Leute von heute so? »Wir lesen auch Modezeitschriften«, sagt Frau Graf. Mehr nicht. Und die Achtziger? Das entscheiden die Verkäuferinnen vor Ort. Man steigt nicht wirklich durch. Trend ist nach Humana-Meinung anscheinend noch immer die etwas angestaubte Skijackenmode, Trend ist aber auch eine beige Damensteghose, von der man vor allem eins sagen kann: Das wird nie was werden mit Trend , das sieht eher nach Übersiedlermode aus. Trend sind das Netzstrickpolohemd und das giftgrüne Baumwolltop - eine Linie aber ist bei Trend nicht erkennbar.