Es ist kein Wunder, dass Margiela seine Antworten oder Presseerklärungen gern in der dritten Person verfasst, er begreift die Entstehung der Arbeiten des Maison Martin Margiela als kollektiven Prozess.

In der hysterischen Welt der Mode wirken die Mitarbeiter des Maison Martin Margiela wie das therapeutische Pflegepersonal einer Krankenstation. Ihr Tonfall ist freundlich, aber auf eine angenehme Weise zurückhaltend. Die Atmosphäre ist konzentriert, für Besucher gibt es Einzeltermine, für die sich dann ein Mitarbeiter des Hauses ausführlich Zeit nimmt. Das ist ungewöhnlich, weil es in Pariser Modehäusern eigentlich immer ziemlich hektisch zugeht. Dazu passt, dass seine Label aussehen wie Stoffpflaster und seine Mitarbeiter alle weiße Arbeitskittel tragen.

Seit der Gründung 1988 arbeitet die Mannschaft konzentriert an der Weiterentwicklung der Mode. Klassische Strukturen und Bausteine werden auseinander genommen und neu zusammengesetzt. Margiela wurde deshalb immer wieder als Anarchist, Dekonstruktivist und Exzentriker bezeichnet, dabei ist er vor allem ein konservativer Handwerker, mit einem Drang nach vorn. »Es geht nicht um Zerstörung, sondern um Bewegung, den Fortschritt. Wenn man Dinge zerlegt und mit neuen Elementen zusammenfügt, handelt man konstruktiv«, gab er schon vor zehn Jahren zu Protokoll.

Die Listen seiner formellen und inhaltlichen Coups sind lang: Übergrößen, T-Shirts und Kleider mit eingebügelten Falten, aus Secondhand-Jeansjacken und -Jeanshosen montierte Mäntel und Hosen, Daunenbettdecken als Wintermäntel, nach außen gekehrte Nähte, Zerschnittenes, bunt Bemaltes. Um nur einige zu nennen.

Gleichzeitig überrascht La Maison Martin Margiela zwei Mal im Jahr seine Verehrer mit Performance-ähnlichen Shows. Auch wenn die Kollektionen auf Kleiderstangen durch außergewöhnliche Räume getragen werden, Blaskapellen vorneweg spielen, die Gesichter der Models vermummt sind: Es geht dabei nicht um Effekthascherei, sondern um die Weiterentwicklung der Mode.

Während der diesjährigen Pariser Prêt-à-porter-Schauen lud das Haus Margiela in eine kleine Patisserie ein. Kein Laufsteg, keine Hysterie, keine Models. Auch kein Blitzlichtgewitter, denn Margiela zeigte seine neue Sommerkollektion bei Kaffee und Kuchen auf einem Fernsehbildschirm. Das auf 16 Millimeter gedrehte Filmmaterial wurde, auf Video kopiert, verschiedenen Publikumsgruppen vorgeführt, mit den aktuellen Themenschwerpunkten Kreise, Falten und Schnitt. So wurden beispielsweise Leder- und Strickjacken gezeigt, deren Umrisse, flach auf den Boden gelegt, einen Kreis zeigen, Oberteile, die gefaltet und mit Druckknöpfen zusammengehalten werden, und abgeschnittene Trenchcoats und Jacketts, als Weiterentwicklung der Übergrößen.

Jean-Louis Dumas, der Präsident des Traditionslabels Hermès, hat Martin Margielas Fähigkeiten erkannt und den Belgier 1998 zum Chefdesigner seines Hauses ernannt. Auch diesen Job meisterte Margiela, und alle waren zufrieden: die Hermès-Leute, aber auch die Hipster aus dem Reich der Subversion und Dissidenz. Dumas, dessen Haus mal mit Sattel- und Leder angefangen hat, fand diesen Vergleich: »Ein Pferd liest keine Zeitung. Aber es weiß ganz genau, ob ein Sattel schlecht gearbeitet ist.«