Seit 20 Jahren publiziert Ernst Klee über die Medizinverbrechen des "Dritten Reichs". Wir verdanken ihm exzellent recherchierte Untersuchungen über die Psychiatriemorde, die verbrecherischen Menschenversuche in den Konzentrationslagern und die Nachkriegskarrieren der Täter. Der Sozial- und Behindertenpädagoge wuchs in die Rolle eines Anwalts der Ermordeten und der überlebenden Opfer hinein. Als Journalist und Dokumentarfilmer nahm er immer wieder Partei für die Opfer und kämpfte gegen das Verschweigen an. Denn der geschichtswissenschaftliche Autodidakt agiert frei von akademischen Rücksichtnahmen. Er benennt kompromisslos Ross und Reiter: die Täter, ihre Mitwisser und die sie beschützenden Bürokratien.

Mit seinem neuesten Buch hat Ernst Klee nun weiter ausgeholt. Der Titel (Deutsche Medizin im Dritten Reich) deckt das von ihm erörterte Themenspektrum nur teilweise ab. Klee setzt sich diesmal mit fast der gesamten Sphäre der Biowissenschaften auseinander: von der Behindertenpädagogik zu den Verdrängungsleistungen der "Deutschen Seelenheilkunde", von der Pflanzen- und Tiergenetik zur Hirnforschung und zu den "rassenbiologischen" Vorläufern der Humangenetik. Einleitend geht Klee auf die Vorgeschichte der biopolitischen Instrumentalisierung der Humanwissenschaften ein. Er zeigt, wie sich seit der Wende zum 20. Jahrhundert Rassenhygiene, Sozialdarwinismus und Genetik miteinander verbanden und den sich entwickelnden Disziplinen der Biowissenschaften zu einer fatalen gemeinsamen Grundlage verhalfen. Das Ergebnis war das Postulat einer erbbedingten Ungleichheit der Menschen und eine sich daraus herleitende Doktrin der Erfassung und "Ausjäte" aller "Minderwertigen", "Artfremden" und Leistungsschwachen.

Rauschhafte Euphorie

In der NS-Diktatur wurde daraus mörderische Praxis. In mehreren Kapiteln fasst Klee die Folgen der nun handlungsmächtig gewordenen Doktrinen zusammen, wobei er immer auch die neuesten historischen Untersuchungsergebnisse berücksichtigt: Zwangssterilisationen, kriminalbiologische Selektionen, die Tötung behinderter Kinder und die Massenmorde in den psychiatrischen Anstalten. Er beschreibt das vielfältig verwobene Netz der Vordenker und Akteure. Es war eine umtriebige Schicht von Tätern, die alle Überlebensnischen von behinderten, chronisch kranken und rassistisch stigmatisierten Menschen beseitigte. Klees Fazit: Nicht der Nazismus machte sich die Biowissenschaften untertan, sondern die Biowissenschaftler haben sich die NS-Diktatur dienstbar gemacht.

In diesem Kontext gedieh eine breite biowissenschaftliche Forschung. Ihre Akteure steigerten sich, so Klee, in eine rauschhafte Euphorie hinein, da ihrem enthemmten Erkenntnisinteresse ganze Gesellschaftsgruppen zur Verfügung standen, die als "lebensunwert" galten. Diese wissenschaftlichen Nutznießer hatten nicht nur Verbindungen zu den psychiatrischen Tötungsanstalten, den Hinrichtungsstätten der Justiz und den Konzentrationslagern, sondern sie organisierten sich durch den großzügigen Ausbau ihrer Wissenschaftszentren auch optimale Arbeitsbedingungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte flächendeckend alle biowissenschaftlichen Ansätze. Mehrere Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft taten sich zu einer interdisziplinären Verbundforschung zusammen.

Mit ihnen setzt Klee sich intensiv auseinander: den Kaiser-Wilhelm-Instituten für Anthropologie, für Hirnforschung, für Psychiatrie (Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie), für Biochemie und für Biologie. Er weist nach, dass eine Gruppe von Spitzenwissenschaftlern seit Beginn des Zweiten Weltkriegs ihr anthropologisch-genetisches Erkenntnisinteresse mit "kriegswichtigen" humanbiologischen Forschungsaufträgen der Wehrmacht verbunden hat. Unser bisheriges Wissen über die Aktivitäten der Julius Hallervorden, Hugo Spatz, Ernst Rüdin, Eugen Fischer und Otmar von Verschuer wird enorm erweitert.

Bei diesem Befund bleibt Klee jedoch nicht stehen. Er demontiert auch die letzten Ikonen der "deutschen" Biowissenschaften, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft, der Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, bislang vor kritischen Nachfragen abgeschirmt worden waren. Exemplarisch für sie steht der Biochemiker, Hormonforscher, Nobelpreisträger und Wissenschaftsfunktionär Adolf Butenandt. Neue Quellenfunde und aktuelle Forschungsresultate rücken den späteren Präsidenten und Ehrenpräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft ins Zentrum der Recherche von Klee.