Auch Ostdeutschland hat einen Bundespräsidenten: Wolfgang Thierse. De iure präsidiert er nur dem Parlament - ein symbolisches Amt, das dieser Inhaber verblüffend politisch gestaltet. Mundwerk des Ostens ist Thierse geworden, ein Vermittler und Verteidiger andersdeutscher Geschichte, der aber auch seinen Ossis ungeschminkte Wahrheiten zumutet, etwa zum Rassismus. Anfang des Jahres säte Thierse Wind und erntete Sturm mit einem Thesenpapier, dessen acht Seiten in der erregten Debatte auf eine Schlagzeile zusammenschnurrten: "Der Osten steht auf der Kippe!"

Schwer hatte der Autor gesündigt. Thierses Text widersprach einer behaglichen Kanzlerdoktrin, die Gerhard Schröder von Helmut Kohl übernahm: Dank Einheitsrhetorik und Solidarpakt-Alimentierung werde Transelbien peu à peu zu westwirtschaftlicher Potenz erblühen. Thierse diagnostizierte stetig wachsenden Rückstand, beschrieb das Drama der Emigration, forderte Wissenschaftsansiedlung und den Ausbau Ostdeutschlands zur europäischen Verbindungsregion. Da wurde der Genosse Thierse von der West-SPD-Führung harter Parteikritik unterzogen. Nicht einmal die Ambivalenz des Krisenbildes Kippe wollte man begreifen, als hätte Thierse Abgrund gesagt und dem Osten Untergang versprochen. Erst ein Tornado von Thierse-hat-Recht!-Stimmen bewog die Müntefering-Crew, zurückzurudern.

Und jetzt die Thesen aufgepumpt zum Buch? Weit mehr. Vorab: Auch Thierse hat gelernt. Beginnend mit dem Titel, ist Zukunft Ost ein Ermutigungsessay. Westleser werden schätzen, dass der Autor die Alarmsirene leiser stellt. Die Analyse wurde nicht entschärft; der Osten bleibt Problemdeutschland. Knapp und ruhig werden die Sünden der Vereinigung erzählt, aber die von West nach Osten transferierten Hilfen dankbar anerkannt.

Immer wieder freut es den Leser, wie Thierse das Wechselspiel von Politik und Mentalitätsgeschichte beschreibt. Trauma des Ostens: Er braucht den Westen, der aber keines Ostens bedarf. Die ungleichberechtigte Vereinigung degradierte die Ostdeutschen zur Nachholgesellschaft von individuierten Gewinnern und Verlierern der Westanpassung. Ideologen und Technokraten können nicht begreifen, wie sich das Land labilisierte. (DDR-)Strukturzerstörung wurde im Osten Staatsaufgabe. Äußerlich ist mittlerweile der westliche Ordnungsrahmen installiert. "Das Neue und zugleich das Zukunftsproblem des Ostens ist die gesellschaftliche Aneignung dieses Rahmens und seine Transformation in eine demokratische Kultur. Die künftige Zivilgesellschaft, ihre Akteure und Netzwerke müssen sich im Osten erst formieren. (...) Während sich die westlichen Gesellschaften einem Modernisierungsprozess stellen müssen, der die bisherigen Grundlagen ihres Gesellschaftsvertrages untergräbt, sind im Osten bereits Tatsachen geschaffen, die eines Gesellschaftsvertrages erst noch bedürfen." Lothar Späth hat die Entsozialisierung mal drastischer bezeichnet: Der Osten ist der Minenhund des Westens.

Man merkt: Dies ist kein Ostbuch. Thierse hat den doppeldeutschen Blick. Ostdeutsche Prosperität beschreibt er als vitales Interesse des Westens. Zukunft Ost enthält unweigerlich Längen, weil der Autor ausführlich konkret wird und Heilungsvorschläge unterbreitet: Strukturwandel, Investorengewinnung, Standortkonzentration statt Gießkannenförderung ... Thierses Horror wäre der Osten als "Transitraum der EU-Osterweiterung": entvölkert, verarmt, vergreist. "Oder wir nutzen und reaktivieren das Potenzial im Osten - und skizzieren einen Zukunftsentwurf, der den Menschen (...) keine blühenden Landschaften verspricht, sondern Lebensperspektiven eröffnet."

Wolfgang Thierse:Zukunft Ost Perspektiven für Ostdeutschland in der Mitte Europas; Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2001; 160 S., 29,14 DM