Islamabad

Wer einen Krieg führt, der tut gut daran, sich auf den Charakter des Feindes einzulassen. Wie es um die Charaktere der Bombardierten bestellt sein könnte, lässt sich am Clanchef von Waziristan, Faridullah Khan, studieren; ebenso an Ahmed Amin Modschadidi, einem einflussreichen religiösen Führer Afghanistans.

Faridullah Khan ist in allem, was er tut, raumgreifend. Wenn er die Arme hebt, ist es, als würde er sein Gegenüber in erdrückende Umarmung schließen; wenn er mit den Händen gestikuliert, scheint auf der Welt nichts mehr zu existieren als diese Hände; wenn er spricht, füllen seine Worte jeden Winkel des Raums. Man könnte sagen: Wo er ist, gibt es nur Faridullah Khan.

Aber das wäre nur die halbe Wahrheit und damit falsch. Richtig ist: Faridullah Khan steht fest auf dem Boden seiner Heimat, auf dem Boden Waziristans - es ist dieses Land, das keinen Widerspruch duldet. In den Worten Khans: "Es gibt kein besseres System als die Stammesordnung!"

Waziristan ist eine verlassene Weltgegend an der Grenze zu Afghanistan. Sie wird von Paschtunen bewohnt, der Ethnie, die in Afghanistan die Mehrheit stellt und auch das Taliban-Regime. Die Grenze ist hier durchlässig, trotz des Krieges. Vielleicht ist sie sogar weniger dicht, seit die Bomben fallen. Es gibt nämlich Berichte aus Waziristan und aus anderen Stammesgebieten, dass junge Männer zu den Waffen greifen und nach Afghanistan fahren, um ihren Brüdern im Kampf beizustehen. Insofern ist Waziristan auch Kampfgebiet.

Was gilt es zu begreifen an diesem Land? Faridullah Khan sagt das für europäische Ohren Ungewöhnliche recht beiläufig: "Ob in Islamabad Demokraten herrschen oder Militärs, macht für uns keinen Unterschied." Waziristan ist zwar Teil eines Staates, aber es funktioniert nach eigenen Gesetzen; eine Region, die niemals von einer Zentralmacht unterworfen werden konnte, weder in den hundert Jahren britischer Kolonialherrschaft noch in den fünfzig Jahren Geschichte der Republik Pakistan. Waziristan gehört offiziell zu den tribal areas - das sind Gebiete, die nicht einmal Steuern bezahlen. Ein Niemandsland ist es gleichwohl nicht. Recht und Ordnung herrschen, nur nach anderer Façon.

Faridullah Khan bringt einem in kurzer Zeit das Einmaleins seines Stammesgebietes bei. Der Westen könnte dabei lernen, sein gegenwärtiges Hauptproblem zu lösen: Bündnispartner unter Paschtunen zu finden, während man gleichzeitig gegen sie Krieg führt. Khan stellt zunächst die selbstverständliche wie verblüffende Frage: "Wie soll man einen Paschtunen, der in seinem Dorf abgeschnitten von der Welt lebt, davon überzeugen, dass er die amerikanischen Luftschläge gegen seine Stammesbrüder unterstützen muss?" Sicher nicht mit dem Argument, dass die Terroranschläge auf das World Trade Center und auf das Pentagon ein Angriff gegen die Zivilisation waren. Die meisten Paschtunen dürften nicht einmal gewusst haben, dass so etwas wie die Twin Towers existierte, und was die Zivilisation angeht, davon dürften sie eine andere Vorstellung haben.