Berlin

Meist sind es unangenehme Überraschungen, für die der Osten gut ist - findet der Westen. Nun hat der Osten Berlins so deutlich wie nie zuvor für die PDS gestimmt. Und der Westen reagiert hilflos bis entsetzt.

Drei Ostberliner Freundinnen, von Beruf Linguistin, Journalistin und Literaturdozentin, sprachen am Wahlabend über ihre Gründe, PDS zu wählen. Eine Momentaufnahme: "In Berlin ist die PDS nach der Wende die am wenigsten korrupte Partei", sagt die Sprachwissenschaftlerin. Die PDS wolle als einzige "die Gesellschaft grundsätzlich verändern". Das Parteiensystem in der jetzigen Form habe sich überlebt. Die Gesellschaft müsse neue Wege gehen, die nicht "durch die Geschichte abgeschnitten" seien, also "weder nach rechts noch in Richtung Sozialismus". Die PDS in Berlin sei am glaubhaftesten, weil sie mit den Wählerstimmen nicht "wie ein Hehler" umgehe, sie nehme ihre Wähler ernst und habe wenigstens einen "Funken von Dienstbarkeit".

Die Linguistin fügt hinzu, die PDShabe sich in den vergangenen Wochen so verhalten, wie sie es erwartet hatte. "Die Partei hat sich gegen den Krieg entschieden und ist auch dabei geblieben." Am Ende folgt doch noch eine Einschränkung. Sie habe auch deshalb die PDS angekreuzt, weil sie ja "tatsächlich nie Macht bekommen" werde. Könnte dieser Fall eintreten, hätte sie anders entschieden.

Die Literaturdozentin war entsetzt, als sie nach einem Kongress in den USA im Flugzeug die ersten deutschen Zeitungen las. Sie störten die Häme und die Diffamierungen, die auf die PDS niederprasselten. "Es war der Ton, der mich schockiert hat", erzählt sie. Für diesen Ton und den Versuch, jemanden wegen seiner "Haltung" zur Unperson zu stempeln, habe sie als ehemalige DDR-Bürgerin eine "besondere Sensibilität entwickelt". Man könne nicht, wie Schröder das getan habe, einen öffentlichen Diskurs besetzen und ihn gleichzeitig beschneiden. Dieses "Ich bin Amerikaner", diese "uneingeschränkte Solidarität", das klang für sie nach "Denkverboten, das war Verdummung".

Die PDS, sagt die Literaturdozentin weiter, habe sich zudem schon sehr früh gegen einen Krieg in Afghanistan entschieden, "als wir hier alle noch schwankend waren". Das Ergebnis: Schröder habe die PDS von den Informationen ausgeschlossen. "Das hat mich empört", sagt sie, die bis dahin "Skrupel hatte", die PDS zu wählen. Dass sie es dieses Mal dennoch tat, sollte auch heißen: "Ihr könnt mit einer politischen Kraft nicht so umgehen, wie ihr das gerade tut."

Grün nicht mehr wählbar