Die Berliner Polizei, Deutschlands größte und bedeutendste Polizeibehörde, ist in diesen Tagen weit stärker gefordert denn je. Bombendrohungen, Milzbrandverdachtsfälle, Alarm im Stundentakt - die Anforderungen an die Sicherheit in der Bundeshauptstadt haben sich seit dem 11. September dramatisch verschärft. Die Polizei muss jetzt funktionieren - doch die Polizisten könnten ihre Aufgabe viel besser erfüllen, wenn sie nicht seit langem gegängelt und schikaniert würden. Um zu verstehen, warum in der Polizei so viel Angst nistet, muss man den Berliner Parteienfilz kennen, der die Polizei nicht verschont hat. Seit den siebziger Jahren regieren SPD und CDU in die Polizeibehörde hinein und versuchen - insbesondere mithilfe des Polizeipräsidiums - ihren Einfluss zu sichern. Kein anderes Bundesland leistet sich zwei Staatssekretäre beim Innensenator, und dies nur, damit zu jeder Zeit ein Staatssekretär präsent ist, der die Polizei im Griff behält.

Als der ehemalige Polizeipräsident Georg Schertz 1992 versuchte, die Behörde zu öffnen, wurde er von CDU und SPD aus dem Amt getrieben. Daraufhin warben die CDU-Politiker Eberhard Diepgen und Klaus Landowsky erfolgreich um Hagen Saberschinsky als neuen Polizeipräsidenten - eine Entscheidung, die von der SPD mitgetragen wurde. Schnell zeigte sich, dass Saberschinsky, der in wenigen Tagen in Pension geht, für die Berliner Filzstrategen eine ideale Figur war: Er pflegte ein gestörtes Verhältnis zur Presse, denn stets hat er sich darum bemüht, seine Behörde vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Man musste auf die Idee kommen, die Polizei habe etwas zu verbergen. Im Laufe der Zeit wurde klar, dass diese Eigenschaften die von den Repräsentanten der CDU-/SPD-Koalition definierten "Einstellungsvoraussetzungen" waren.

Zwecks Machterhaltung musste die Polizeibehörde "gleichgeschaltet" werden. Versunken in Aktenbergen, die seine Erlebniswelt spiegelten, praktizierte Saberschinsky einen autokratischen Führungsstil der sechziger Jahre. Dies hat natürlich Auswirkungen auf das Binnenklima der Polizei, bis heute: Konformistisches Verhalten steht hoch im Kurs. Dadurch sind völlig überzogene Loyalitätserwartungen auf allen Hierarchieebenen entstanden. Herausgekommen ist eine geistige Monokultur, die zu absurden Ritualen führt: Führungskräfte müssen einander ständig die Meinung des Polizeipräsidenten vorbeten, um in dieser Behörde beruflich überleben zu können. Sie ziehen sich notgedrungen in das Kleinklein ihrer Dienstbereiche zurück, da sie nicht mehr in dem Umfang mitgestalten dürfen, wie es erforderlich wäre. Dadurch hat sich ein Klima der Anpassung, des vorauseilenden Gehorsams und der Angst entwickelt. Diese Angst ist über sämtliche Hierarchieebenen bis in die hintersten Winkel der Polizei gekrochen. Polizistinnen und Polizisten dürfen nur mit Journalisten reden, wenn es die Pressestelle der Polizei erlaubt.

Gespräche zwischen Polizeibeamten finden immer mit dem Hinweis der Vertraulichkeit statt. Informationen werden nur "hinter vorgehaltener Hand" weitergegeben, wie stets beteuert wird. Das lähmt die Polizeibehörde. Es lähmt den Gestaltungs- und Einsatzwillen der Beschäftigten, weil sie gezwungen sind, ihr Verhalten an die Führungskultur des Behördenchefs anzupassen. Ohnehin ist Anpassung nach wie vor das erfolgversprechendste Karrieremittel in einer Behörde, in der allein die Meinung des Präsidenten zählt und abweichende Auffassungen nicht geduldet werden.

Die Polizeiführung misstraut inzwischen sogar ihren eigenen Leuten. Der Tonfa, eine in vielen deutschen Polizeibehörden gängige Ausstattung, wird der Hauptstadtpolizei vorenthalten. Begründung: Dieser Mehrzweckschlagstock sei ein zu gefährliches Einsatzmittel und Deutschlands größte Polizeibehörde nicht in der Lage, die dafür erforderliche Ausbildung durchzuführen. Das empfinden viele Beamtinnen und Beamte als deprimierendes Trauerspiel - zumal dieser Schlagstock überall in Deutschland frei verkäuflich ist.

Der neue Polizeichef, der in wenigen Wochen ausgesucht wird, muss es sich zur Aufgabe machen, diese tief verunsicherte, schlecht geführte und miserabel ausgestattete Behörde mit veralteten Strukturen und einem unglaublichen Reformstau von Grund auf zu modernisieren. Ein neuer Polizeipräsident muss zeitgemäße Organisationsstrukturen für eine effiziente Polizeiarbeit durchsetzen. Die Bürger Berlins haben darauf einen Anspruch, aber auch die Beschäftigten der Hauptstadtpolizei, denn nur motivierte Beschäftigte sind in der Lage, professionell und selbstbewusst zu handeln. Eine Ansammlung von uniformierten Duckmäusern hingegen ist dieser Aufgabe mit Sicherheit nicht gewachsen.

Eberhard Schönberg ist Berliner Landesbezirksvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei