Die Kontrolleure an den Eingängen sind angewiesen, genau hinzusehen in diesen Wochen nach dem 11. September. Wer keinen Dienstausweis vorzeigt und keine persönliche Einladung, hat hier im Palais am Berliner Funkturm nichts zu suchen. Es ist elf Uhr am Morgen, und ein warmer Herbstwind streicht um die Mauern, als eine dunkelblaue Mercedes-Limousine im Halteverbot parkt. Das Kennzeichen des Autos endet mit den Ziffern 001, was so viel heißt wie: Der darf überall parken. Der ist wichtig. Den kennt man. Die Beifahrertür fliegt auf, eine zitronengelbe Krawatte flattert heraus, und als der Gast durch die Glastüren eilt, fragt ihn niemand nach der Einladung. Der VPR, wie ihn die Beamten nennen, der Vizepräsident der Berliner Polizei, will vor der Personalversammlung der Landespolizeischule eine Rede halten. Gerd Neubeck vertritt den Präsidenten. Nein, er ist jetzt selbst der Präsident, der vorläufig amtierende, seit feststeht, dass der richtige Präsident zum Monatsende Pensionär wird und bis dahin seinen Resturlaub nimmt.

700 junge Polizisten warten im Saal, Anwärter, Polizei-Azubis, die meisten 16 bis 22 Jahre alt. Als Neubeck zu reden beginnt, ist die Stimmung im Saal längst vergiftet, weil schon Berlins sozialdemokratischer Innensenator gesprochen hat. Und der hat viele enttäuscht. Seit dem 11. September, meint die Versammlung, sei die Polizei wieder ein besonderes Unternehmen, eines, das viel Achtung verdient, viel Geld und viel Ausstattung, zumindest hier, in der Metropole der Botschaften und Konsulate, dem Herzen deutscher Politik, dem Zentrum der schützenswerten Sub- und Objekte. "Ich habe Ihnen keinen Rucksack mit Weihnachtsgeschenken mitgebracht." Mit diesen Worten wird sich Senator Ehrhart Körting später aus der als vertraulich geltenden Versammlung zitieren lassen. Und der amtierende Polizeichef wird später zu Protokoll geben, er habe sich den Kollegen als "positiv denkenden Menschen" vorgestellt, und deshalb wird er fragen: "Wo ist das Problem?" Und der Delegierte der Gewerkschaft der Polizei wird dieses Problem benennen, indem er zornig auflistet, warum schon Berufsanfänger der Polizei durch karge Ansprachen zu frustrieren sind: Einige Gebäude der Polizeischule sind so heruntergekommen, wird er sagen, dass in Schulungsräumen morsche Deckenplatten herunterfallen. Durch die löchrigen Fensterrahmen zieht der Wind. Handwerker weigern sich, die Schäden zu reparieren, weil sie keine Gewährleistung mehr geben können. Bei Regen fallen Funkgeräte aus. Die Wagen der Polizei sind im Schnitt 17 Jahre alt. Junge Polizisten schieben Dienstautos an, damit der Motor zündet.

Die Zahl der Staatsbesuche in der neuen Hauptstadt ist binnen drei Jahren um 360 Prozent gestiegen, doch die Polizei muss sparen. 1,1 Millionen Überstunden hatten die 17 540 Beamten und 7000 Angestellten der Berliner Polizei angehäuft - vor dem 11. September. Jetzt, wenige Wochen später, sind es 1,5 Millionen. In der Abteilung "Politisch motivierte Straftaten" des Landeskriminalamtes (LKA) arbeiten heute nicht mehr Beamte als 1990, da Berlin für das LKA noch allein West-Berlin bedeutete und Insel statt Hauptstadt war. Ein Berliner Schutzpolizist erhält im Jahr durchschnittlich knapp 100 Mark für Ausstattung und Kleidung, in Bayern sind es 400.

"Dschihad" steht auf Briefen

Gerd Neubeck hat keine Zeit für solche Diskussionen. Er hat Termine. Viele Termine, so viele, dass ein kleines "Zeitfenster" eine gnädige Fügung in seinem Berufsleben ist. Er steigt in den Wagen, und als er am Alten Stadthaus vorfährt, ist das nächste Zeitfenster schon wieder zu. Er eilt hinauf in den vierten Stock, zum Korridor des Innensenators, eine halbe Stunde zu spät, lässt vorsorglich den Termin an der Fachhochschule platzen. Jetzt gibt es Wichtigeres: Lagebesprechung in der Lagezentrale, im Augenblick zweimal die Woche, vor dem 11. September nur "anlassbezogen". Doch jetzt ist alles anders, Anlass ist jetzt immer. Im Raum der Lagezentrale, Nummer 4111, hinter einer schweren Eichentür, wartet der Senator, Hauskürzel: SEN. "Die Lage". Wo bleiben die Herren? Der Chef der Feuerwehr rauscht durch den Flur, gefolgt von grußlos schreitenden Staatssekretären und Polizeidirektoren in grauen Anzügen.

"Die Lage", sie sei unter Kontrolle, sagt Gerd Neubeck. Er hat zu berichten. Milzbrand? Nein, Verdachtsfälle nur, ausgelöst von Trittbrettfahrern des Terrors. Dieses Thema wird die "Lage" beim Senator in den kommenden zwei Wochen in Atem halten. Rund hundertmal wird Milzbrandalarm ausgelöst werden, und immer blinder Alarm. Briefe aus Ägypten werden auftauchen in Behörden und Schulen, verdächtige Briefe, von denen einige die Aufschrift "Dschihad" tragen, doch nichts Beunruhigendes werden die Labors darin entdecken. Die "Lage", sie bleibt angespannt. Der Chef der Feuerwehr, der Chef des Katastrophenschutzes, der Vizechef der Polizei, sie alle haben dem Senator zu berichten, auch über Hinweise auf Anschläge, die wichtigsten nur, denn Hinweise gibt es so viele. Und während Gerd Neubeck in der Lagezentrale neue Zeitfenster herbeisehnt, stehen Polizisten im Nieselregen auf Kreuzungen und riegeln die Straße vor der Lagezentrale ab. Verkehrschaos. Eine Bombe? Auf dem Parkplatz hinter dem Roten Rathaus steht ein herrenloser Rucksack.

"Die Lage" ist beendet, Gerd Neubeck weiß von keiner Bombe. Später wird er sagen: "Hier kommen jeden Tag tausend Meldungen rein. Ich muss nicht alles wissen." Der Vize passiert die Sicherheitsschleuse, durch die Flurfenster sollte er auf den Turm des Alten Stadthauses blicken können. Aber der Turm über dem Dienstsitz des Innensenators ist mit einem roten Transparent verhüllt, knallrot, das Rot des Unternehmens Vodafone, dem die Senatsverwaltung dort oben, 102 Meter hoch, notgedrungen ein Denkmal setzt: "Dieser Sponsor unterstützt die Sanierung des Alten Stadthauses".