Es war Ende des Jahres 2000. Die Wirtschaft wuchs noch kräftig, die nächste Stufe der Steuerreform stand unmittelbar bevor, der neue Sparhaushalt war unter Dach und Fach. Da schwante dem Finanzminister: "Wir sind viel zu hochgejubelt worden. Das rächt sich irgendwann."

"Irgendwann" ist jetzt. Lange war der Minister unumstritten - jetzt drängen sich Fragen auf: Wird Hans Eichel, der solide Finanzpolitik zum Markenzeichen der rot-grünen Bundesregierung gemacht hat, nun zum Verhängnis, was ihn noch vor kurzem zum Superstar im Kabinett Schröder machte? Ist er ein fantasieloser Sparer, der - Konjunktur hin oder her - nur an sein Versprechen denkt, bis 2006 die Neuverschuldung auf null zu bringen? Wird er der Mann werden, der die Wirtschaft abstürzen ließ, weil er die Zeichen der Zeit verkannte?

Es geht um mehr als die Karriere Eichels. Nicht zuletzt die Wirtschafts- und Finanzpolitik entscheidet über das Schicksal der Bundesregierung. Jetzt Konjunkturprogramme auflegen? Oder die nächste Stufe der Steuerreform vorziehen, wie das Opposition und Forschungsinstitute fordern? Dem Minister sind beide Ideen ein Graus.

Auch die Vereinigten Staaten sind kein Vorbild für ihn. George Bush will mit mehr als 100 Milliarden Dollar die Wirtschaft ankurbeln - für Hans Eichel ist das "politischer Aktionismus". Seine Zweifel sind begründet: Seit die Amerikaner ihre Schecks vom Finanzamt bekommen, steigt zwar die private Sparquote, nicht aber der Konsum - Angstsparen in Zeiten der Krise macht die erhoffte Wachstumswirkung erst einmal zunichte. Demgegenüber beschränkt sich Eichels Konjunkturpolitik auf die so genannten automatischen Stabilisatoren: Staatliche Mehrausgaben und Mindereinnahmen infolge der Wirtschaftsschwäche will er nicht durch Ausgabenkürzungen ausgleichen, sondern dafür ein höheres Budgetdefizit hinnehmen - soweit es die EU-Kommission bei ihrer Überwachung der Etatdisziplin erlaubt. "Ich will nicht", sagt Eichel, "durch eigene Entscheidungen zusätzliche Schulden aufnehmen."

So unnachgiebig sich der Minister gibt, der Rückendeckung in Berlin ist er sich nicht immer sicher. Als er kürzlich in Washington zur Tagung der Finanzminister aus den führenden Industrienationen war, erreichte ihn eine Vorabmeldung des Spiegels, ein Kanzlerberater schließe vorgezogene Steuersenkungen nicht mehr aus. Gerhard Schröder beschwichtigte ihn am Telefon: "Alles Unsinn!" Die Ablehnungsfront stand wieder. Erst wenn die Daten für das vierte Quartal vorliegen, wollen Eichel und Schröder neu entscheiden. "Wenn wir nicht in eine Rezession absacken, gibt es überhaupt keinen Anlass, irgendetwas zu machen", verkündet der Minister in vertraulicher Runde - öffentlich hätte er solche Worte nie geäußert, weil sie als Ankündigung missverstanden werden könnten.

Aber was macht er, wenn die Rezession kommt? Keinesfalls soll es einen nationalen Alleingang geben, weil der bei offenen Märkten ohnehin wirkungslos bliebe. Allenfalls eine gemeinsame internationale Aktion, mit der EU "als Minimum". Nur fehlt es den EU-Partnern an Geduld. Die Franzosen sind längst mit einem Minikonjunkturprogramm vorgeprescht. Eichel dagegen denkt eher daran, die Wachstumskräfte in der EU zu stärken, indem die Binnenmärkte für Energie und Post liberalisiert werden. Sein Vorbild ist die Telekommunikation: Dort habe die Liberalisierung viele Arbeitsplätze geschaffen, und weil die Preise dank des Wettbewerbs gesunken seien, könnten die Verbraucher über mehr Geld für andere Ausgaben verfügen.

Eichel ist kein Freund hochfliegender Theorien. Politisch hat es der gelernte Gymnasiallehrer, der Germanistik, Politologie, Philosophie und Geschichte studierte, gern praktisch. Der Nordhesse, dem sein Parteifreund Peter Glotz schon einmal "langweilige, magere Geradlinigkeit" bescheinigt hat, braucht einleuchtende Beispiele und eingängige Formulierungen. Seit kurzem zählt ein Wort des amerikanischen Notenbankchefs Alan Greenspan über unsolide Staaten zu seinen Lieblingszitaten: "Es gibt Länder, die nehmen hundert Prozent ein und geben hundertzehn Prozent aus. Die Differenz leihen sie sich irgendwo." Nicht mit Eichel. Der weiß, dass so etwas auf Dauer nicht gut geht - auch nicht in den Vereinigten Staaten selbst.