So sahen die einheimischen Niwchen ihre Inselwelt, bevor diese unter dem Namen Sachalin in der imperialen Kartografie des russischen Reiches verzeichnet wurde. Es folgte die Kolonisierung durch Zwangsarbeit. Sachalin wurde 1858 zum Verbannungsort und Straflager für die Delinquenten des Mutterlandes, wie Französisch-Guayana und Australien. Freiwillig fanden nicht viele an dieses Ende der Welt.

Anton Tschechow allerdings kam in eigenem Auftrag. Ein halbes Jahr lang erforschte er 1890 die Insel regelrecht und schrieb darüber eine Monografie. Die Einwohner danken dem Dichter seinen Besuch bis heute durch stolzes Angedenken.

Nun hat der ungarische Autor György Dalos die Arbeit Tschechows fortgesetzt, indem er sich auf dessen Spuren begab. Was, wie immer in derartigen Fällen, kein einfaches Unterfangen war. Der Besuch von Dalos und Andrea Dunai - sie hat an dem Projekt mitgearbeitet - auf der Insel ähnelte offenbar ein wenig der Erkundung eines Eisbergs: Es gab nicht gerade viel zu sehen, und das bot über die Dimensionen des Phänomens Sachalin nur wenig Aufschluss. Einzig jene spezifische Ödnis, die verfallene Kolonien und kollabierte Diktaturen hinterlassen, schien allenthalben wahrnehmbar. Die Proportionen von Dalos' Buch Die Reise nach Sachalin spiegeln dieses Dilemma wieder: Nicht einmal ein Drittel davon entfällt auf die Beschreibung der 13-tägigen Rundreise.

Was Dalos und Dunai auf den verwischten Spuren Tschechows antrafen, das war die postsowjetische Provinz in äußerst verschärfter Form. Wirtschaftlicher und sozialer Verfall, Inseldepression und die Entwertung der Landkarten. Wo früher etwas war, die Hafenanlagen von Alexandrowsk zum Beispiel, ist heute nichts mehr. Woran es dagegen nicht fehlte, war die russische Gastfreundschaft, berühmt für ihre Herzlichkeit an voll gepackten Tafeln und auch berüchtigt für noch immer bestehende Einschränkungen und Überwachungsallüren.

Im umfangreichsten ersten Teil rekapituliert Dalos 110 Jahre Inselgeschichte. Das bis 1906 unterhaltene Straflagersystem spielte darin eine zentrale Rolle, genauso wie später der stalinistische Terror. Im dritten Teil verfolgen die Autoren auf der Basis von Internet-Recherchen noch für ein halbes Jahr die politischen Geschehnisse nach ihrer Abreise, besonders das Dauerproblem der mangelhaften Versorgung mit Elektrizität und Heizung.

Dalos und Dunai haben viel, vielleicht nahezu alles zusammengetragen, was heute über Sachalin greifbar und wissenswert ist. Dem unbefangenen Leser schießt da natürlich unwillkürlich die Frage durch den Kopf: Warum? Dalos' Antwort: "Sachalin ist nicht nur ein Teil von Russland, sondern bildet nahezu alle in Russland gegebenen Bedingungen im Kleinen ab." Außerdem wird mit diesem Buch einer der unsichtbaren Winkel der Erde etwas sichtbarer gemacht. Immerhin ist das eine Region, in der sich solche bedeutenden Nachbarn wie Russland und Japan aneinander reiben.

György Dalos:
Die Reise nach Sachalin
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2001
265 S., 38,- DM