Wie viel Heimat braucht der Dichter? Warum fühlt er sich wo zu Hause? Wo liegt der Nistplatz, der das Zeug zur Dauerbleibe hat? Die Antworten von 24 ausgewählten Autoren sind nun in der Textsammlung Daheim & Daneben nachzuschlagen. Ortschaften der Sehnsucht, des Lächelns, aber auch des Zorns stehen zur Besichtigung frei. Das Städtehopping führt quer durch Europa mit Abstechern nach Jerusalem und Havanna. Und der Kern des Heimischen, den die Schriftsteller in ihren Textminiaturen einkreisen, verwandelt sich im Kopf des Lesers in ein Mosaik ferner Lebenswelten. Facettenreich schimmern die Verwurzelungsgeschichten mitunter bis in die Kindheit hinein. Jede einzelne ist so einmalig und unverwechselbar wie ein Fingerabdruck, ob aus der Feder des Wahlfrankfurters Robert Gernhardt oder des eingesessenen Danzigers Stefan Chwin geflossen. So lobt der in Basel geborene Urs Widmer Zürichs Meriten, weil ihn dort das Flair der Mittelmäßigkeit umweht. Anders als in Capri oder Paris muss der Zugezogene nämlich keinen dem Überschuss an mondäner Pracht entsprechenden Lebenswandel vortäuschen. Zürichs Ausgewogenheit beruhigt: "Wir sind wie die Stadt: nicht über die Maßen glücklich, aber auch nicht stockunglücklich."

Die Heiterkeit der Widmerschen Impressionen wird fortgesetzt mit Tilman Spenglers Scherzo vom Schweinebratenduft in Ambacher Bayernluft, mit Robert Schindels doppelbödiger Hommage an "sein" jüdisches Wien - jenen "nachblutenden Witz", der ihn das Lachen von der Pike auf gelehrt hat. Die Deutschtürkin Emine Sevgi Özdamar reist zur Hochburg ihres Heimwehs, nach Istanbul, wo sie eine naiv verbrämte Elegie auf ihre gebrochene Vita anstimmt. Bei dem Budapester Péter Esterházy und dem Römer Luigi Malerba manifestiert sich das Heimatgefühl in stabiler Hassliebe. Davon ebenfalls durchdrungen ist der große Gesang des Kubaners Raúl Rivero, dessen Mein Havanna in dem Bekenntnis gipfelt: "Ich glaube an die geheimen Orte einer Stadt, wo das Fleisch alle irdischen Bedürfnisse kennt und der Geist dennoch zu Hause ist." Widmer, Schindel und Konsorten nutzen den Heimvorteil. Die ortsgebundene Erinnerung erlaubt ihnen, mühelos von der Gegenwart in die Vergangenheit zu pendeln. Verwachsen mit den Orten ihrer Wahl und Qual, spiegeln sie sich in den Kulissen von Münster oder Kiew. Das emotionale Engagement verwandelt ihre Stadtsichten in Selbstporträts. So führt die Inspektion der Heimat unwillkürlich zu den wunden Punkten von Biografie und Geschichte. Und dann und wann auf die Lichtungen des Glücks. Immer der Lebenslinie nach.

Gunhild Kübler (Hrsg.):Daheim & Daneben Wo Schriftsteller zu Hause sind; dtv, München 2001; 158 S., 15,50 DM