Die Abendsonne scheint herein, licht nehmen sich die Eingeweide des Amtes aus, die Bilder sind sorgsam ausgewählt, von der Chefetage sieht man hinüber zu Reichstag und Potsdamer Platz, irgendwie erscheint es fast wohnlich hier - was sich gut trifft, denn der Hausherr und sein Kanzler verbringen seit dem 11. September noch viel mehr Zeit in den Dienstzimmern. Früher haben sie gelegentlich über good governance philosophiert, jetzt müssen sie gut regieren.

Politik kehrt zurück, formuliert Gerhard Schröder ganz abstrakt, wenn er darüber grübelt, was sich prinzipiell seit dem Drama in New York verändert hat, in der Republik und für ihn. Ein political animal ist er zwar immer gewesen, Politik ist sein Leben, aber er weiß, dass das die allgemeine Stimmung nicht war. So hat er gelegentlich ganz gern die Seele baumeln lassen, oder er hat sein Arbeitsquartier in ein Restaurant am Gendarmenmarkt verlegt. Fürs Erste ist das vorbei. Und lachen muss er fast über den Kündigungsschutz, die soundsovielte Arzneimittelverordnung oder das Urheberrecht, an der Spitze der Prioritätenskala jedenfalls steht nichts mehr davon.

Renaissance für Pullach

Es muss und wird nicht so bleiben, dieses Gefühl von Dauererregung. Machtfragen wie die künftige Koalition im Roten Rathaus von Berlin bleiben Kanzlerfragen. Ganz abgesehen davon, dass in den Parlamentsfraktionen ohnehin Alltag pur herrscht, kleine Etatstreitereien, höhere Beitragssätze für die Krankenkassen, vorverlegte Straßenbauprogramme. Die Jeetzel fließt überall, und sie fließt ewig. Und dennoch dürfte sich an der Rangordnung dessen, was relevant und was irrelevant ist, groß und klein, auf lange Sicht etwas verschoben haben.

Ohnehin sind es die Regierungszentralen, nicht die Parlamente, in denen heute die Musik spielt, wenn sie denn spielt; und das gilt doppelt und dreifach, wenn es, wie Steinmeier sagt, um "existenzielle Fragen" wie derzeit geht. "Schröders Uhrmacher" also, wie die taz den Hausherrn respektvoll genannt hat, muss das Kanzleramt von Mechanik mit Zifferblatt auf Quarz mit Digitaldisplay umstellen. Was der Kanzler die "Rückkehr der Politik" nennt, heißt auf dieser Etage zunächst: Die internationale Krise überlagert den üblichen Gang der Dinge, auch wenn nicht mehr stündlich ein Prinz aus Arabien, Wladimir Putin oder Hosni Mubarak am Telefon sind.

Die unendliche Geschichte von der Störanfälligkeit der rot-grünen Koalition, die möglichen Abweichler, "Rudolf der Eroberer", das war alles vor Beginn der neuen Zeitrechnung. Fast täglich seit dem 11. September findet also im Lagezentrum des Kanzleramtes, irgendwo im Bauch des Amtes, umringt von den Monitoren, die Nachrichten sammeln und ein Gefühl von Ankoppelung an die Weltläufte geben, unter Steinmeiers Regie die "Sicherheitslage" statt: Die Staatssekretäre Gunter Pleuger oder Jürgen Chrobog (Auswärtiges Amt), Claus Henning Schapper (Inneres), Walther Stützle und Klaus-Günther Biederbick (Verteidigung) und im Bedarfsfall auch Ralf Nagel (Verkehr) beraten mit Michael Steiner und Ernst Uhrlau (den Abteilungsleitern für Auswärtiges und für die Koordinierung der Nachrichtendienste im Kanzleramt) sowie den Präsidenten Heinz Fromm (Verfassungsschutz), August Hanning (BND) und, nicht zu vergessen, Rudolf von Hoegen (MAD), auch wenn er meist stumm bleibt.

Die andere Schlüsselinstitution, die keine ist, das "Sicherheitskabinett", wie es Journalisten getauft haben, also Joschka Fischer, Rudolf Scharping, Otto Schily sowie Frank-Walter Steinmeier, Michael Steiner und Uwe-Karsten Heye, der Regierungssprecher, wurde anfangs beinahe ebenso häufig zusammengetrommelt. Das Bündnis für Arbeit rückt an den Rand, was zählt, sind diese Bündnisse für innere und äußere Sicherheit. Dass hier wirklich Fragen verhandelt werden, die unter die Haut gehen, lässt sich kaum übersehen, wenn die Fachleute, im Zweifel auch sonntags, aufgewühlt und erschöpft gerade mal wieder eine ihrer stundenlangen Sessionen beenden, in denen es darum ging, wie dünnhäutig normale Betonmäntel von Kernreaktoren sind oder welche Biowaffen außer Milzbranderreger heute denn noch zum Arsenal privatisierter Kriegführung gehören könnten. Und natürlich wird nachgedacht über Öffentlichkeitsstrategien, wie man also Hysterie vermeidet und dennoch zu Wachsamkeit anhalten kann, in welche Richtung die Stimmungen in der Stimmungsdemokratie sich wenden, je länger das Bombardement dauert, und sicher auch darüber, mit welchen PR-Rezepten sich die Erreger in den Köpfen denn beeinflussen ließen.